Weisheit 2: Kraft als Maßstab der Gerechtigkeit?

Wenn Macht und Gewalt der Maßstab der Gerechtigkeit werden, dann herrscht das Gesetz des Dschungels. Der Wille des Stärkeren wird zur Wahrheit und die Sozialschwachen werden ins Bodenlose erniedrigt: „Das Schwache nämlich hat sich als unnütz erwiesen.“ – so sprechen die Frevler im Buch der Weisheit. Getrieben von der Verzweiflung – es gebe kein göttliches Rettungshandeln, sondern nur ein hilfloses Leben im Hier und Jetzt – enden sie in Gewaltphantasien. Ohne eine göttliche Gerechtigkeit als Korrektiv, endet der menschliche Irrweg in der Tyrannei.

Den Macht- und Gewaltphantasien stellt das Buch der Weisheit Sanftmut und Gleichmut entgegen. Das Vertrauen auf Gott, das Leben aus der Vergangenheit in freudiger Erwartung der Zukunft, führt zum gerechten Handeln und ist für die Frevler wie Salz in einer Wunde. Diese Blutung lässt sich nur stoppen, wenn man versteht, dass „das Schwache an Gott […] stärker [ist] als die Menschen“ (1 Korinther 1,25).

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

1,16 Die Gottlosen aber riefen ihn [= den Tod] mit Händen und Worten herbei, als einen Freund betrachteten sie ihn und schmolzen hin und schlossen einen Bund mit ihm; denn sie sind würdig, zum Anteil von jenem zu gehören. 2,1 Sie sagten nämlich zueinander – sie dachten nicht richtig! –: Kurz und traurig ist unser Leben, und es gibt keine Heilung am Lebensende des Menschen, und man kennt keinen der aus der Unterwelt zurückgekehrt ist. […]

10 Lasst uns den armen Gerechten unterdrücken, die Witwe nicht schonen und die in die Jahre gekommenen grauen Haare des Greises nicht scheuen! 11 Unsere Kraft sei der Maßstab der Gerechtigkeit! Das Schwache nämlich hat sich als unnütz erwiesen. 12 Lasst uns dem Gerechten auflauern, denn er ist für uns nutzlos und steht unserem Tun im Weg und wirft uns Verfehlungen gegen das Gesetz vor und sagt uns Verfehlungen nach gegen unsere Erziehung. 13 Er bezeugt, Gotteserkenntnis zu besitzen, und nennt sich Knecht des Herrn. 14 Er wurde uns zur Anklage unserer Denkweisen, er ist uns eine Bürde, sobald wir ihn nur erblicken. 15 Denn unähnlich ist sein Leben dem der anderen, und ganz andersartig sind seine Pfade. 16 Als Falschgeld wurden wir von ihm eingeschätzt, und er hält sich von unseren Wegen fern wie von Unreinheiten. Das Ende der Gerechten preist er glücklich, und prahlt, Gott sei sein Vater. 17 Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind, und erproben, wie es mit ihm ausgeht. 18 Wenn nämlich der Gerechte Gottes Sohn ist, wird er sich um ihn kümmern und ihn aus der Hand seiner Gegner erretten. 19 Durch Erniedrigung und Folter wollen wir ihn prüfen, um seine Sanftmut kennenzulernen und seinen Gleichmut auf die Probe zu stellen. 20 Zu einem schändlichen Tod wollen wir ihn verurteilen – nach seinen Worten wird er ja behütet.

Weisheit 1,16-2,1.10-20 (Lesungstext: 2,1a.12.17-20)

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.