Weisheit 1-2: Herr über Leben und Tod?

Der Glaube daran, dass es nur einen Gott gibt und dieser als Schöpfer alle Macht besitzt, ist zugleich beängstigend und tröstlich. Die Radikalität wird im Besonderen in einer Stelle im Buch Deuteronomium deutlich, wo Gott seine Macht in Worte fasst: „Jetzt seht: Ich bin es, nur ich, und es gibt keinen Gott neben mir. Ich bin es, der tötet und der lebendig macht. Ich habe verwundet; nur ich werde heilen. Niemand kann retten aus meiner Hand.“ (Deuteronomium 32,39). Gott ist der Herr über Leben und Tod – aber hat er auch den Tod erschaffen, will er den Tod? „Gott hat den Tod nicht gemacht,“ heißt es in Weisheit 1,13.

Ein Blick an den Anfang des Buches Genesis zeigt, dass der Tod der Menschen eine Folge des sogenannten Sündenfalls ist. Im Paradies stand der Baum des Lebens freizugänglich für den Menschen – am Ende ist der Weg zurück zum Paradies verschlossen. Schon der Anfang der Bibel verdeutlicht, dass der Tod nicht Teil der „guten Schöpfung“ Gottes ist. Aber darum geht es im dem zitierten Vers aus dem Buch der Weisheit nicht. Es geht nicht um den physischen Tod, sondern um die Minderung des Lebens. Kurz zuvor mahnt das Buch der Weisheit zum gerechten Leben: „Jagt nicht dem Tod nach in den Irrungen eures Lebens, und zieht nicht durch euer Handeln das Verderben herbei!“ (Weisheit 1,12). Der Mensch soll sich nicht für Vergehen gegen die gottgewollte Ordnung entscheiden, sondern für die Gerechtigkeit, das Leben – und somit für Gott. Der Schöpfer hat den Menschen zum Leben erschaffen. Verurteilt wird der gewaltsame, zu frühe Tod, der gemäß biblischer Darstellung erstmals durch Kain und dem Mord an seinem Bruder in die Welt gekommen ist. Gegen das todbringende Denken, Reden und Handeln des Menschen wird im Buch der Weisheit die Gerechtigkeit als Alternative entgegengestellt. Sie ist die Ordnung und das Lebensprinzip, das Gott seiner Schöpfung gegeben hat – und das als Angebot auch nach der Vertreibung aus dem Paradies weiterhin besteht.

Wer die ersten beiden Kapitel des Buches der Weisheit liest wird belehrt: Wer sich nicht an Gott und somit an seiner Gerechtigkeit ausrichtet, wird versuchen andere zu beherrschen: „Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.“ (Weisheit 2,11). Wer so denkt, wird Gewalt gegen die gerechten Schwachen anwenden – bis hin zum Mord (Weisheit 2,12-20). Der Schwache ist in den Augen dieser, derjenige der seine Lebensführung an der Gerechtigkeit Gottes ausrichtet, weil Gott jeden als sein Abbild erschaffen hat, um ihm an seiner Lebensfülle teilhaben zu lassen. Das Buch der Weisheit geht in seiner Argumentation gar so weit, dass es einen Dualismus von Gott und dem Teufel denkt, um den Schöpfer von der Schuld der Gewalt und schlussendlich vielleicht sogar von dem Faktums des Todes in der Welt freizusprechen. Aber auch der Teufel, wenn es ihn gibt, ist ein Geschöpf der Welt – und gemäß Weisheit 1,14 sind alle Geschöpfe der Welt heilbringend.



Die alttestamentliche Lesung zum 13. Sonntag im Jahreskreis gemäß der alten Einheitsübersetzung:

112 Jagt nicht dem Tod nach in den Irrungen eures Lebens, und zieht nicht durch euer Handeln das Verderben herbei! 13 Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. 14 Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; 15 denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. […] 223 Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihm zum Bild seines eigenen Wesen gemacht. 24 Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören.

Weisheit 1,12-15; 2,23-24 [Lesung: 1,13-15; 2,23-24]


Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.