Weise Worte

Die Worte der Weisheit in Sprichwörter 8,22-31 waren bei den Kirchenvätern ein hochumstrittener Text, an dem sie diskutierten, wie Jesus Christus zu verstehen sei. Seit Justin dem Märtyrer, der 165 n. Chr. starb, wurde die hier sprechende Weisheit mit Jesus Christus identifiziert. Und an diesem Text entbrannte die Frage, ob Jesus Christus, wie es in Vers 22 heißt von Gott dem Vater „geschaffen“ wurde und somit ein Geschöpf sei, oder mit Vers 25 gesprochen aus Gott geboren wurde und daher eins mit dem Vater sei. In dem Text selbst geht es um eine ganz andere Frage: Wie verhält sich die von den Menschen angestrebte Weisheit zu Gott?

Wie die vorhergehenden Verse betonen, ist sie die Quelle für ein glückhaftes Leben. In ihren Worten ordnet sich die Weisheit völlig Gott unter. Bereits das erste Wort in Vers 22 ist „JHWH“, der Gottesname – und sie ist nur das Objekt seines Handelns. Die Einzigkeit Gottes wird absolut betont und zugleich wird dadurch die Besonderheit der Weisheit hervorgehoben. Bevor die Welt geschaffen wurde, war sie bereits bei Gott. Sie war zugegen, als er die Welt erschuf und kennt somit ihre innere Ordnung. Sie konnte wie Gott von außen auf die Schöpfung in ihrer Entstehung sehen und kann in diesem Wissen die sie Suchenden zu Gott und zu einem gelingenden Leben führen. Weder die Welt noch die in ihr geltende Ordnung stammt von der Weisheit, sondern sie stammt von Gott.

Aber sie hat durch ihre Existenz vor der Schöpfung der Welt sozusagen eine Brückenfunktion, die sich auch in der Form der Verse 22-31 anzeigt. Während das erste Wort der Gottesname ist, benennt das letzte Wort die Menschen, „die Söhne Adams“. Die Weisheit bezeichnet sich als die Freude Gottes, die in der Schöpfung zugegen war und diese Freude richtet sich auf den Menschen. Wie David vor der Lade Gottes, tanzt, spielt und jubelt die Weisheit seit dem Anfang der Schöpfung durch die Geschichte und will den Menschen anstecken mit ihrem „Spiel“; sie will den Menschen dazu führen, das „Gefallen des HERRN“ zu erlangen (siehe Sprichwörter 8,35).

Meine ausführliche Erklärung der Lesung am Dreifalitgkeitsssonntag (Sprichwörter 8,22-31) gibt es auf der Seite des Bibelprojektes “In Principio” unter: https://www.in-principio.de/sonntags-lesungen/lesung/1.-Lesung-Spr-822-31/

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Bildquellen

  • Titelbild: “Athena – Temple of Wisdom”: Hartwig HKD