Suchet, so werdet Ihr finden


– sich den Text vorlesen lassen



Man muss Gott nur suchen, dann lässt er sich finden. Man muss nur zu ihm beten, dann wird man seine Nähe spüren. Solche Zusagen, wie man sie im Buch Jesaja lesen kann, wirken realitätsfern. Im Angesicht des Unrechts in der Welt scheint der rettende Gott eher fern zu sein und Gebete verhallen scheinbar im Nichts. Gott zu suchen ist jedoch kein Kinderspiel. Gemäß dem Sprachgebrauch des Alten Testaments ist ein nach Gott suchender Mensch jemand, der sein Leben an Gott ausrichtet. Hierbei gilt, dass man Gott nicht einfach findet, sondern dass er sich finden lässt. Gott ist nicht frei verfügbar, sondern er macht sich verfügbar. Gott geht auf den Menschen zu, aber den entscheidenden Schritt muss der Mensch tun.

Die Zusage im Buch Jesaja ist radikal. Sowohl den nach Gott Suchenden als auch den Bösewichten wird Gottes Erbarmen und die Versöhnung mit ihm verheißen. Allerdings muss sich dazu der Bösewicht den nach Gott Suchenden angleichen. Er muss seine Lebenswege hinter sich lassen, er muss umkehren und in Gott neues Leben finden. Es gibt somit auch eine göttliche, barmherzige Ungerechtigkeit: Gott ist jedem nahe, der sich zu ihm bekehrt. Diese Zusage steht dem typisch menschlichen Handeln entgegen. Hass sowie Rache- und Vergeltungswünsche sind im Angesicht von Unrecht nicht nur menschlich, sondern sie finden zum Beispiel in der Gebetssprache der Psalmen ihr erlaubtes Echo. Im Buch Deuteronomium sagt Gott sogar von sich selbst: „Mein ist die Rache!“. Aber Gottes Handeln richtet sich nicht an Rachegelüsten aus, sondern es verfolgt einen Heilsplan, der auf Erbarmen und Versöhnung zielt. Es liegt in der Hand der Menschen, das Unrecht in der Welt zu beseitigen und sich mit Gott zu versöhnen.

Das Buch Jesaja macht in diesem Kontext auf einen grundlegenden Unterschied zwischen den menschlichen Absichten und Gottes Plänen aufmerksam. Im Alten Testament ist häufig davon die Rede, dass Gottes Wege unergründlich und verborgen sind; aber Gottes Wege führen unabdingbar zum von ihm gewünschten Ziel. Die Aufforderung „Sucht JHWH, jetzt, da er sich finden lässt!“ ist daher nicht nur eine trostspendende Zusage, sondern sie ist zugleich auch eine Mahnung. Das Alte Testament legt Zeugnis davon ab, dass Gott auch fern von seinen Gläubigen sein kann. Er ist nicht nur eine rettende Hilfe, sondern auch ein bestrafender Richter. Die Aufforderung „Sucht JHWH, jetzt, da er sich finden lässt!“ besagt nicht, dass Gott immer nah sein wird. Sie ist die Ankündigung einer heilvollen Zeit, aus der die Menschen ihre Konsequenzen im Hier und Jetzt ziehen müssen.

Die Lesung aus dem Alten Testament am 24. September 2017, dem 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie im Buch Jesaja 55,6-9:

6 Sucht JHWH, (jetzt,) da er sich finden lässt! Ruft ihn an, (jetzt,) da er nahe ist! 7 Der Bösewicht verlasse seinen Weg und der Mann der Übeltat (verlasse) seine Gedanken. Er kehre um zu JHWH, er wird sich seiner erbarmen. (Er kehre um) zu unserem Gott, denn er vergibt reichlich. 8 Wahrlich, meine Gedanken sind nicht eure Gedanken; und eure Wege sind nicht meine Wege. Spruch JHWHs. 9 Denn so wie der Himmel höher über der Erde ist, so sind meine Wege hoch über euren Wegen und (so sind) meine Gedanken (hoch über) euren Gedanken.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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