Sprichwörter 9: Schöpferisches Freudenmahl

Wer ein tiefgehendes Verständnis der Weltzusammenhänge erlangt hat, gilt als weise. Weisheit ist die Fähigkeit auf die verschiedensten Probleme jeweils mit der schlüssigsten und sinnvollsten Handlungsweise zu reagieren. Wenn man das Buch der Sprichwörter aufschlägt, begegnet man ihr jedoch auf eine ganz andere Weise: Sie ist eine großzügige Gastgeberin, die ein Lehrhaus errichtet hat und deshalb zu einem Festmahl einlädt.

Diese Weisheit lässt sich nicht suchen, sondern sendet ihre Dienerinnen aus, um diejenigen, die noch nicht weise sind, zu ihr zu führen. Sie verspricht Stärkung, Wohlempfinden und Einsicht. Weise zu werden, hat in diesem Bild nichts mit Askese und Verzicht zu tun. Sondern in der Weisheit findet man Fülle; sie will das man in ihr Fülle findet. Der Weg für den sie wirbt, ist die Einsicht in die Ordnung, die Gott in seiner Weisheit der Welt eingegeben hat. Diese Weisheit, die die Menschen zu sich ruft, ist der Wunsch Gottes in der Schöpfung ihm zu begegnen.

 

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 20. Sonntag im Jahreskreis:

 

1 Weisheit hat ihr Haus gebaut, sie hat ihre sieben Säulen ausgehauen/errichtet. 2 Sie hat ihre Schlachtungen geschlachtet, sie hat ihren Wein gemischt – schon hat sie ihren Tisch gedeckt. 3 Sie hat ihre Mädchen ausgesendet. Sie ruft oben auf den Höhen der Stadt: 4 Wer einfältig ist, trete beiseite hierhin. Dem das Herz (der Verstand) fehlt zu dem sagt sie: 5 Geht und ernährt euch von meiner Nahrung und trinkt von dem Wein, den ich gemischt habe! 6 Lasst ab, Einfältige, und lebt und geht einher auf dem Weg der Einsicht.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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