Sie lauschten auf das Buch des Gesetzes

Auf Wunsch des Volkes wird das Gesetz verlesen (Verse 1-8). Als das Volk alle Worte hörte, weinte es – aber der Schriftgelehrte Esra und die Leviten fordern das Volk auf, sich aufgrund des Gesetzes zu freuen (Verse 9-12). Am Ende beider Abschnitte steht die Feststellung, dass das Volk verstanden hatte, was es gehört hatte. Die zehnfache Nennung des Volkes und fünffache Verwendung des Verbs „verstehen“ verdeutlicht, worum es in diesem Abschnitt geht: Das ganze Volk versteht die Weisung Gottes.

In vorexilischer Zeit wirft der Prophet Hosea dem Volk vor, dass ihm das Verstehen fehlt und es die Weisung Gottes vergessen hat (Hosea 4,6). Das Buch Esra weiß, dass die Weisung Gottes nachexilisch nicht vergessen wurde. An ihn ergeht der Auftrag, diejenigen die noch unkundig sind, zu belehren (Esra 7,25). Dies geschieht in Nehemia 8,1-12 nicht aufgrund der Initiative des Schriftgelehrten, sondern das Volk bittet selbst darum. Es will verstehen. Und dieses Verstehen führt zur Freude. Der Text betont dabei keine einzelnen Lehren der Weisung Gottes. Selbst der Inhalt wird nicht benannt, sondern im Zentrum steht die Weisung Gottes als Wort Gottes an sein ganzes Volk. Betont werden die Verkündigung und das Verstehen.

Der vorgesehene, alttestamentliche Lesungstext für den 3. Sonntag im Jahreskreis ist: Nehemia 8,2-4a.5-6.8-10. Ich rate jedoch dazu, Nehemia 7,72-8,12 als zusammenhängenden Text zu lesen.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Bildquellen

  • Gustav Doré, Ezra Reads the Law to the People (Neh. 8:1-12): Doré's English Bible, 1866 – Lizenz: gemeinfrei.