Numeri 11: Nicht nur einer, sondern alle!

Auch große Anführer können verzweifeln. Kein Mensch kann alle Last allein tragen. Selbst Mose, der von Gott auserwählte Anführer seines Volkes, bricht unter der Last des Amtes zusammen: „Warum hast du [= Gott] an deinem Knecht Übel getan, und warum habe ich nicht Gnade gefunden in deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst?“ (Numeri 11,11). Im Gebet zu Gott erhebt er eine schwere Anklage und sucht zugleich Hoffnung, für den weiteren Weg. Er wendet sich an Gott, der ihn trägt, sodass er selbst die Last seines Amtes tragen kann. Gott erhört das Flehen – es erfolgt eine Strukturreform, die die Last auf mehrere Schultern verteilt.

Der Geist Gottes, der Moses leitet, legt sich zum Teil auch auf 70 auserwählte Männer. Aber das eigentliche Ziel ist doch ein ganz anderes. Das Volk Gottes soll keines Anführers bedürfen. Mose, der Anführer, wünscht sich, dass sein Amt überflüssig wird. Seine Aufgabe ist es, das Volk nicht nur anzuführen, sondern in eine direkte Beziehung zu Gott zu bringen. Seine Vision schielt nicht auf Macht oder Gewalt. Sie ist keine weltliche Verirrung, sondern der Wunsch: „Fürwahr, möge JHWH seinen Geist auf sie [= das Volk Gottes] legen.“ (Numeri 11,29), sodass Gott nicht nur an ausgewählten Orten oder in ausgewählten Personen erfahrbar wird. Möge jeder Mann und jede Frau zur Stimme Gottes in dieser Welt berufen werden!

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

25 JHWH stieg hinab in einer Wolke, sprach zu ihm [= Mose], teilte von dem Geist, der auf ihm war, und gab auf die 70 Männer, die Ältesten. Es geschah, als der Geist auf ihnen ruhte, begannen sie zu prophezeien – aber nicht dauerhaft. 26 Zwei Männer aber waren im Lager zurückgeblieben [= anstatt zum Offenbarungszelt zu kommen]. Der Name des einen war Eldad und der Name des zweite Medad – und auch auf ihnen ruhte der Geist, denn sie gehörten zu den Aufgeschriebenen [= von Mose Erwählten], aber sie waren nicht zum Zelt hinausgegangen und so prophezeiten sie im Lager. 27 Da rannte ein Junge und verkündete Mose und sagte: Eldad und Medad prophezeien im Lager! 28 Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der Mose von Jugend an diente und sagte: Mein Herr, Mose, halte sie zurück! 29 Aber Mose sagte zu ihm: Eiferst Du für mich? Wer gäbe, dass das ganze Volk JHWHs zu Propheten würde? Fürwahr, möge JHWH seinen Geist auf sie legen.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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