Josua 24: Geschichtsvergewisserung

An entscheidenden Kreuzungen schaut man zurück auf den gegangenen Weg, um entscheiden zu können, welche Richtung man einschlagen wird. Der Blick in die Vergangenheit erklärt, wie es zur Gegenwart gekommen ist. Das ist eine Weisheit des biblischen Erzählens. Das Erinnern des Gewesenen ist keine Geschichtsstunde, sondern eine Vergewisserung. Kurz bevor Israel in das Verheißene Land einzieht, hält die Erzählung für die Zeit eines gesamten Buches inne. Wie kam man zu diesem Moment? Was bedeutet der bisherige Weg für die Zukunft? Für Israel stellt sich an der Grenze die Frage: Wer sind wir und wie stehen wir zu unserem Gott? Mose bietet auf diese Frage eine ausführliche Antwort, indem er die Beziehung des Gottesvolkes zu JHWH durchbuchstabiert.

 

Nach der Landnahme, angekommen im Verheißenen Land gibt es wieder einen solchen Moment des Innehaltens. Josua, der Nachfolger Moses, blickt zurück, um von dem Volk die radikale Entscheidung für Gott zu verlangen: „Nun also fürchtet IHN und dient ihm in Schlichtheit und in Treue, schafft die Götter ab, denen eure Väter jenseits des Stroms und in Ägypten dienten, und dienet IHM! Ists aber in euren Augen übel IHM zu dienen, wählet euch heute, wem ihr dienen wollt, ob den Göttern, denen eure Väter, die jenseits des Stromes, dienten, ob den Göttern des Amoriters, in dessen Land ihr siedelt, – ich aber und mein Haus, wir wollen IHM dienen.“ (Josua 24,14-15). Der Logik des Textes wäre es eine absolut unvernünftige Entscheidung, wenn das Volk in diesem Moment sich gegen seinen Gott wenden würde. Josua hatte sie zuvor daran erinnert, wie Gott seit den Tagen des Vaters Abrahams bereits die Geschichte gelenkt hat, damit Israel in Frieden und im Glauben an seinem Gott in dem Verheißenen Land zu leben. Allen Widerständen zum Trotz hat sich JHWH als der Gott Israels bewiesen.

 

Die Antwort des Volkes ist daher eindeutig: „Das Volk sprach zu Jehoschua: Nein, sondern IHM wollen wir dienen.“ (Josua 24,21). Nein, natürlich wollen sie keinen anderen Göttern dienen. JHWH ist der Gott Israels, ihm wollen sie dienen. Das Wirken Gottes in der Geschichte zugunsten Israels ist die Grundlage der Beziehung des Volkes zu seinem Gott. Gott handelt für die Menschen – das ist die grundlegende Theologie des Alten Testaments. Für das Volk Israel ist die die Grundlage für den Bund mit Gott. Die Gesetze und Gebote sind Gottes Forderung an den Menschen, nachdem er ihnen gegenüber seine Gnade erwiesen hat – und das Einhalten der Gesetze und Gebote Gottes ist die Antwort Israels auf das Handeln Gottes in der Geschichte. Wer also die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel vergisst – oder einfach nicht beachtet -, der verliert die eigenen Glaubenswurzeln aus dem Blick und kann so an den entscheidenen Kreuzungen vom Weg abkommen.

 

Diese Woche mal keine eigene Arbeitsübersetzung, sondern der für die Lesung am 21. Sonntag im Jahreskreis vorgesehenen Text aus der jüdischen Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig:

 

1 Jehoschua holte alle Volksstäbe Jissraels nach Sichem zusammen, er berief die Ältesten Jissraels und seine Häupter, seine Richter und seine Rollenführer, und sie traten vor Gott. 2 Jehoschua sprach zu allem Volk: So spricht ER, der Gott Jissraels: Jenseit des Stromes siedelten eure Väter vorzeiten, Tarach, Vater Abrahams und Vater Nachors, und dienten anderen Göttern. 3 Ich nahm euren Vater Abraham von jenseits des Stroms, ich ließ ihn durch alles Land Kanaan gehn, ich mehrte seinen Samen: ich gab ihm den Jizchak, 4 und Jizchak gab ich den Jaakob und den Essaw. Ich gab Essaw das Gebirge Sseďr, es zu erben, Jaakob aber und seine Söhne zogen hinab nach Ägypten. 5 Ich sandte Mosche und Aharon, ich stieß Ägypten hin, wie ich eben darinnen tat, 6 danach führte ich euch heraus. Ich führte eure Väter aus Ägypten, ihr kamt ans Meer, die Ägypter jagten mit Fahrzeug, mit Reisigen euren Vätern ans Schilfmeer nach, 7 die schrien zu IHM, eine Düsternis legte er zwischen euch und die Ägypter, er ließ das Meer darüber kommen und hüllte sie zu. Eure Augen sahen, was ich an Ägypten tat. In der Wüste saßet ihr fest viele Tage. 8 Ich ließ euch kommen ins Land des Amoriters, der jenseit des Jordans saß, sie kriegten mit euch, ich gab sie in eure Hand, ihr erbtet ihr Land, ich vertilgte sie vor euch her. 9 Es erhob sich Balak Sohn Zippors, König von Moab, und kriegte gegen Jissrael – er sandte und ließ Bilam Sohn Bors rufen, euch zu verwünschen, 10 Ich aber war nicht gewillt auf Bilam zu hören, er mußte segnen euch, segnen – , ich rettete euch aus seiner Hand. 11 Ihr überschrittet den Jordan und kamt nach Jericho, die Bürger von Jericho kriegten gegen euch, dazu der Amoriter, der Prisiter, der Kanaaniter, der Chetiter und der Girgaschiter, der Chiwwiter und der Jebussiter, ich gab sie in eure Hand. 12 Ich sandte vor euch her die Verzagtheit, sie trieb sie vor euch aus, zwei Amoriterkönige, nicht durch dein Schwert und nicht durch deinen Bogen. 13 Ich gab euch ein Land, um das du dich nicht gemüht hast, Städte, die ihr nicht erbaut habt, darin siedeltet ihr, Weingärten und Ölhaine, die nicht ihr gepflanzt habt, ihr eßt davon. 14 Nun also fürchtet IHN und dient ihm in Schlichtheit und in Treue, schafft die Götter ab, denen eure Väter jenseit des Stroms und in Ägypten dienten, und dienet IHM! 15 Ists aber in euren Augen übel IHM zu dienen, wählet euch heute, wem ihr dienen wollt, ob den Göttern, denen eure Väter, die jenseit des Stromes, dienten, ob den Göttern des Amoriters, in dessen Land ihr siedelt, – ich aber und mein Haus, wir wollen IHM dienen. 16 Das Volk antwortete, es sprach: Fern seis von uns, IHN zu verlassen, um andern Göttern zu dienen! 17 Denn ER, unser Gott, er ists, der uns und unsre Väter heraufbrachte aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Dienstbarkeit, und der vor unsern Augen jene großen Zeichen tat und bewahrte uns auf all dem Weg, auf dem wir gingen, und unter allen Völkern, durch die mittinnen wir schritten, 18 ER hat all die Völker, den Amoriter, den Insassen des Landes, vor uns her vertrieben. Auch wir, IHM wollen wir dienen, denn er ist unser Gott. 19 Jehoschua sprach zum Volk: Ihr könnt IHM nicht dienen, denn heilige Gottheit ist er, ein göttlicher Eiferer er, nicht wird er ertragen euren Frevel, eure Versündigungen: 20 wenn ihr IHN verlasset, Göttern der Fremde dient, verkehrt ers, tut euch übel, vernichtet euch, nachdem er euch guttat. 21 Das Volk sprach zu Jehoschua: Nein, sondern IHM wollen wir dienen. 22 Jehoschua sprach zum Volk: Zeugen seid ihr wider euch, daß selber ihr IHN euch wähltet, ihm zu dienen. Sie sprachen: Zeugen! –23– So schafft nun die Götter der Fremde ab, die innen unter euch sind, und neigt euer Herz zu IHM, dem Gott Jissraels. 24 Sie sprachen, das Volk, zu Jehoschua: IHM, unserm Gotte, wollen wir dienen, auf seine Stimme wollen wir hören. 25 Jehoschua schloß dem Volk an jenem Tag einen Bund, er legte ihm in Sichem Satz und Recht auf. 26 Jehoschua schrieb diese Reden in das Buch der Weisung Gottes. Er nahm einen großen Stein und richtete ihn dort auf unter der Eiche, die in SEINEM Heiligtum war. 27 Jehoschua sprach zu allem Volk: Dieser Stein da sei gegen uns ein Zeuge, denn er hat alle SEINE Sprüche gehört, die er mit uns redete, er sei gegen euch ein Zeuge, wenn ihr euren Gott etwa wolltet verleugnen. 28 Jehoschua entsandte das Volk, jedermann zu seinem Eigentum. 29 Es geschah nach diesen Begebnissen: Jehoschua Sohn Nuns, SEIN Knecht starb, hundertundzehn Jahre alt. 30 Man begrub ihn in der Gemarkung seines Eigentums, in Timnat Ssarach, das im Gebirge Efrajim ist, nördlich vom Berge Gaasch. 31 Jissrael diente IHM alle Tage Jehoschuas und alle Tage der Ältesten, deren Tage sich über Jehoschua hinaus längerten, und die um all SEINE Tat wußten, die er an Jissrael getan hatte. 32 Die Gebeine Jossefs, die die Söhne Jissraels aus Ägypten heraufgebracht hatten, begruben sie in Sichem in der Feldmark, die Jaakob von den Söhnen Chamors, Vaters Schchems, um hundert Vollgewicht gekauft hatte, sie blieben den Söhnen Jossefs als Eigentum. 33 Elasar Sohn Aharons starb, man begrub ihn in dem Giba seines Sohns Pinchas, das ihm im Gebirge Efrajim gegeben war.

 

Josua 24 (Verse der Lesung: 1-2a.15-17.18ab)

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Bildquellen