Jesaja 50: Hoffnung im Angesicht der Krise

JHWH ist der Herr! Dieses Bekenntnis wiederholt der Prophet Jesaja viermal kurz hintereinander, um sich gegen die Skepsis der Bevölkerung Jerusalems zu stellen. Die Realität des Alltags, damals die Zerstörung Jerusalems, heute zum Beispiel der weltweite Missbrauchsskandal in der Kirche, scheint diesem Bekenntnis entgegenzustehen. Wo ist noch Hoffnung zu finden, in den Abgründen der Welt? Wenn die gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen scheinbar keine Perspektive bieten, braucht es den prophetischen Widerstand. Es bedarf einer absoluten Ausrichtung an dem Gott, der für Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und die Bestrafung des Unrechts steht.

Wenn der Blick auf Ruinen ruht, verliert man den Glauben. Aber gerade in den Ruinen ist der Ort der Glaubensgewissheit: „Siehe, Gott, der Herr, wird mir helfen!“ (Jesaja 50,9) – denn die Ruinen sind nicht Gott! In den Rissen des Fundaments gibt es Raum, damit aus den Gläubigen Schüler des Wortes Gottes werden. Das Hören auf Gott führt zum Verkünden des Gehörten: „JHWH, der Herr, hat mir eine Schülerzunge gegeben, damit ich weiß dem Müden durch ein Wort zur Hilfe zu kommen.“ (Jesaja 50,4) – und das Vertrauen auf Gott gibt die notwendige Kraft, um den Weg der prophetischen Erneuerung zum Reich Gottes auf Erden zu gehen.

In Jesajas Worten wird deutlich, dass dieser Weg kein einfacher ist: „Meinen Rücken habe ich denen, die schlagen, hingegeben und meine Wangen denen, die Barthaare ausraufen. Mein Gesicht habe ich nicht verborgen vor Schande und Speichel.“ (Jesaja 50,6). Aber der Weg ist gangbar im Vertrauen darauf, dass Gott der Richter nahe ist und Gerechtigkeit schaffen wird – in der Kirche und in der Welt.

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

 

4 JHWH, der Herr, hat mir eine Schülerzunge gegeben, damit ich weiß dem Müden durch ein Wort zur Hilfe zu kommen. Er weckt am Morgen, am Morgen weckt er mir ein Ohr, damit ich höre wie Schüler. 5 JHWH, der Herr, hat mir ein Ohr geöffnet, ich aber war nicht widerspenstig, nicht bin ich zurückgewichen. 6 Meinen Rücken habe ich denen, die schlagen, hingegeben und meine Wangen denen, die Barthaare ausraufen. Mein Gesicht habe ich nicht verborgen vor Schande und Speichel. 7 Denn JHWH, der Herr, wird mir helfen. Deshalb werde ich nicht Schande tragen. Deshalb habe ich mein Gesicht gemacht wie Kiesel. Ich weiß, dass ich keine Schmach erleiden werde. 8 Nahe ist, der mir Gerechtigkeit verschafft. Wer will mit mir streiten? Lasst uns gemeinsam stehen. Wer ist mein Rechtsgegner? Er trete zu mir heran. 9 Siehe, Gott, der Herr, wird mir helfen. Wer ist der, der mich zum Frevler erklären will? Siehe, sie alle zerfallen wie ein Kleidungsstück, eine Motte wird sie fressen.

Jesaja 50,4-9 (Lesungstext: Verse 5-9a)

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.