Jesaja 49: Sendungsbewusstsein

Wer trotz Rückschlägen und Enttäuschungen an seiner göttlichen Sendung festhält, wird darin von Gott nicht nur bestätigt, sondern auch bestärkt. So erfährt es der Gottesknecht in Jesaja 49 und so stellt er sich selbst vor. Er weiß sich zu den Völkern gesendet. Vom Anfang seiner Existenz ist er berufen, ein mächtiges Werkzeug Gotttes zu sein – so wie Gott den Propheten im Buch Jeremia anspricht: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ (Jeremia 1,5)

Anders aber als im Buch Jeremia ist der Gottesknecht in Buch Jesaja keine Einzelperson, sondern die Gemeinschaft der aus dem Exil in Babylon nach Jerusalem Zurückkehrenden. Sie sind der Knecht Gottes und werden, indem sie ihre Sendung verstehen und entsprechen, für die Welt „zum Licht der Nationen“ (Jesaja 49,6). Deutlich wird dies in der un Vers 3 zitierten Gottesrede: „Mein Knecht bist du, Israel, an Dir will ich mich verherrlichen.“ (Jesaja 6,3). Das Buch Deuteronomium bezeichnet Israel als Söhne Gottes (Deuteronomium 14,1) – dies ist eine Anforderung an das Gottesvolk. Das Gottesvolk soll sich als Gottesknecht verhalten.

Innerhalb dieser Sendung gibt es auch Raum für Enttäuschung, Zweifel und Klage. Aber das von ihm angesprochene scheinbare Scheitern seines Auftrags führt ihn nicht weg, sondern zu Gott hin. Denn in Gott findet er das Ziel seiner Sendung. Durch die Rückkehr der Exilierten werden die Völker sehen, das Gott an der Seite seines Volkes steht und es nicht verlassen hat. Gott sagt seinem Knecht und somit seinem Volk zu, dass Jerusalem, der Ort des Tempels, wiederaufgebaut und wiederbesiedelt sein wird – und das darin die Völker erkennen werden, dass JHWH der eine Gott ist (siehe Jesaja 49,23b).

Eine fachwissenschaftliche Übersetzung des alttestamentlichen Lesungstextes am Fest „Geburt des Hl. Johannes des Täufers” (Ulrich Berges, Jesaja 49-54 [HThKAT], Freiburg 2015, S. 23):

1 Hört, Inseln, auf mich und merkt auf, Völker, von ferne! JHWH, vom Mutterschoß her hat er mich gerufen, vom Leib meiner Mutter an hat er meinen Namen genannt. 2 Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, im Schatten seiner Hand hat er mich verborgen. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil, in seinem Köcher hat er mich versteckt. 3 Er sagte zu mir: Mein Knecht bist du, Israel, an dir will ich mich verherrlichen! 4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich gemüht, für Nichtiges und Windhauch meine Kraft verbraucht. Doch mein Rest ist bei JHWH, und mein Lohn bei meinem Gott.

5 Und jetzt hat JHWH gesagt, mein Gesalbter von Mutterschoß, Knecht für ihn zu sein, Jakob zurückzuführen zu ihm, dass Israel bei ihm versammelt werde. Geehrt bin ich in den Augen JHWHs, und mein Gott ist meine Stärke. 6 Er sagte: Es ist zu wenig, dass du mir ein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Behüteten Israels zurückzubringen. Ich mache dich zum Licht der Nationen, damit meine Rettung sei bis ans Ende der Erde.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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