Jeremia 23: Der wahre Hirte

Hirten, die ihre Herde nicht behüten, haben ihre Berufung verfehlt. Anstatt Schutz zu bieten und eine Richtung vorzugeben, handeln sie verantwortungslos. Im Buch Jeremia werden die Könige Israels als solche Hirten beschrieben. Das Volk Israel ist ihre Herde, die jedoch nicht ihre eigene ist, sondern Gott gehört. Sie sind Gott Rechenschaft schuldig. Gott hat sie zur Aufsicht verpflichtet und sie sind dem nicht nachgekommen – und nun werden sie belehrt, dass sie selbst unter Aufsicht stehen.

Eine übertragene Aufgabe bedeutet keine Selbstherrlichkeit. Verantwortung für das Volk Gottes inne zu haben, ist ein Dienst an Gott und an seinen Gläubigen. Wenn die Hirten versagen, so die Zusage Gottes, wird er selbst zum Hirten. Für die eigentlichen Hirten bedeutet dies in ihrer Kummerlosigkeit jedoch Kummer – sie werden bestraft. Und in der Strafe liegt ein Neuanfang.

Im angekündigten Handeln Gottes wird aufgezeigt, was die Aufgaben eines Hirten sind. Dass das Volk stark und viel wird, dass Recht und Gerechtigkeit herrschen und dass Sicherheit gegeben ist – das sind die Aufgaben derjenigen, die das Volk Gottes anführen sollen. In ihrem Handeln soll sichtbar werden, dass Gott dem Volk Gerechtigkeit widerfahren lässt. In diesem Kontext verheißt das Buch Jeremia einen neuen Hirten, der aus der Linie des König Davids abstammen wird und somit an die glorreiche Vergangenheit anknüpfen kann.

Gott, der Hirte, wird sich in der Geschichte erfahrbar machen, indem er gottgewollte Hirten einsetzt. Dies ist eine Prophezeiung durch die Zeiten hindurch gegen die herrschenden „Hirten“. In der Zeit als diese Zeilen geschrieben wurden, war es ein Hoffnungsschimmer für das Volk Israel im Angesicht der Heimatlosigkeit des Exils. Gegen das Versagen der eigenen Eliten und gegen die Übermacht der herrschenden Großmächte künden diese Worte von einem neuen Exodus, in dem sich Gott als der wahre Hirte seines Volkes zeigt, dem jede politische Macht untergeordnet ist.

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 16. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

1 Wehe, Hirten, die ihr die Herde meiner Weide verliert und zerstreut – Spruch JHWHs. 2 Deshalb, so sagt JHWH, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr selbst habt meine Herde zerstreut, habt sie vertrieben und nicht habt ihr euch um sie gekümmert. Siehe ich kümmere mich  nun gegen euch, um das Böse eurer Taten – Spruch JHWHs. 3 Ich selbst werde einsammeln den Rest meiner Herde aus allen Ländern, wohin ich sie vertrieben habe. Ich werde sie zurückbringen auf ihre Aue – sie werden fruchtbar sein und sich vermehren. 4 Dann werde ich über ihnen aufrichten Hirten und sie werden sie weiden. Sie werden sich nicht mehr fürchten, sich nicht mehr schrecken und nicht mehr heimgesucht werden – Spruch JHWHs. 5 Siehe, Tage kommen – Spruch JHWHs –, da werde ich aufrichten für David einen gerechten Sproß. Er wird herrschen als König und einsichtig sein: er wird Recht und Gerechtigkeit tun im Land. 6 In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel wird in Sicherheit wohnen. Dies ist sein Name, mit dem man ihn rufen wird: JHWH, unsere Gerechtigkeit. 7 Deshalb, siehe, Tage kommen – Spruch JHWHs –, da werden sie nicht mehr sagen: „JHWH lebt, der die Söhne Israels aus dem Land Ägypten herausgeführt hat.“ 8 Sondern [sie werden sagen]: „JHWH lebt, der herausgeführt und gebracht hat die Nachkommenschaft des Hauses Israel aus dem Nordland und aus allen Ländern“, wohin ich sie vertrieben hatte. Dann werden sie sich niederlassen auf ihrem Erdboden.

Jeremia 23,1-8 (Lesung: Verse 1-6)

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