Gottvertrauen oder Kadavergehorsam


– sich den Text vorlesen lassen


 
Gott, führe uns nicht in Versuchung, wie Du Abraham versucht hast! Kinder als Opfer darzubringen ist aus der Sicht des Buches Deuteronomium eine Greuel, die Gott ausdrücklich verbietet (Deuteronomium 12,31) – aber im Buch Genesis verlangt er eben genau dies von Abraham: Er soll seinen ihm von Gott verheißenen und im hohen Alter empfangenen Sohn als Opfer darbringen. Der Schenkende fordert sein Geschenk zurück. In Genesis 12 wurde Abraham von Gott mit den Worten „Geh für dich!“ aufgefordert, seine Vergangenheit, seine Familie zu verlassen und ins Ungewisse, in das verheißene Land aufzubrechen. In Genesis 22 erklingt wieder dieser Imperativ „Geh für dich!“. Diesmal soll Abraham die für seine Nachkommen verheißene Zukunft verlieren. Noch drastischer als Ijob wird Abraham von Gott geprüft. Ijob, der durch Gott alle seine Söhne verloren hatte, verblieb in seinem Glauben an Gott mit den Worten: „Rafft er [Gott] hinweg, wer hält ihn zurück? Wer darf zu ihm sagen: Was machst du da?“ (Ijob 9,12). Im Falle Abrahams ist Gott noch weitaus grausamer: Abraham selbst soll seinen Sohn töten und alle ihm von Gott zugesprochenen Verheißungen zunichtemachen.

Aus der Perspektive Abrahams passiert etwas Dramatisches: Gott zeigt seine dunkle Seite – der blutrünstige Gott zeigt sein Angesicht. Aber Abraham spricht kein Widerwort. Er beeilt sich den Befehl direkt auszuführen. Kurz vor der Opferstelle lässt er Isaak sogar selbst das Holz tragen – wie ein Verurteilter, der sein eigenes Kreuz zu tragen hat. Er baut den Opferaltar, schichtet das Holz, bindet Isaak auf den Holzscheiten fest und greift nach dem Messer – der Erzähler berichtet von keinem Zögern. Abraham ist ein gewissenloser Vater und dafür lobt ihn Gott. Im letzten Moment wird das Kindsopfer gestoppt: „Du sollst nicht Deine Hand ausstrecken nach dem Knaben und du sollst ihm nichts tun – denn nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist und mir deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthältst.“ (Genesis 22,12). Die hier gelobte Gottesfurcht ähnelt einem Kadavergehorsam und ein Gott, der solches verlangt – selbst wenn es nur eine Versuchung ist – scheint wenig barmherzig zu sein.

Mit Abraham will ich mich nicht identifizieren und Gott kann ich nicht verstehen. Ein Perspektivenwechsel ist nötig. Vielleicht steht im Zentrum der Erzählung nicht Abraham, sondern Isaak. Er ist mit seinem naiven Vertrauen auf seinen Vater, der ihn zur Schlachtbank führt, sicherlich auch kein erstrebenswertes Vorbild. Aber er hinterfragt das Geschehen zumindest: „Hier sind das Feuer und die Hölzer, aber wo ist das Lamm für das Ganzopfer?“ (Genesis 22,7) – und die Antwort des Vaters lässt ihn nicht daran zweifeln, dass Gott für alles Notwendige sorgen wird. Isaaks Gottvertrauen wird bestätigt. Gott greift ein, stoppt Abraham und anstelle Isaaks wird ein Widder geopfert. Aber wie hätte Isaak reagiert, wenn Abraham ihm von Anfang an die Wahrheit erzählt hätte?


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 2. Sonntag der österlichen Bußzeit, Lesejahr B:

1 Es geschah nach diesen Begebenheiten, da versuchte der Gott Abraham und sagte zu ihm: „Abraham!“. Und er sagte: „Hier bin ich!“. 2 Und er [Gott] sagte: „Nimm nun deinen Sohn – den Einzigen, den du liebst – Isaak, geh für dich zum Land Morjah und bring ihn dort hinauf als Ganzopfer auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.“ 3 Und Abraham brach am Morgen auf, sattelte seinen Esel, nahm seine zwei Knaben [= Diener] mit ihm und seinen Sohn Isaak, spaltete Hölzer für das Ganzopfer, stand auf und ging zu dem Ort, den der Gott ihm gesagt hatte. 4 Am dritten Tag – da erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von ferne. 5 Da sprach Abraham zu seinen Knaben: „Bleibt ihr hier mit dem Esel und ich und der Knabe wollen bist dort gehen, uns niederwerfen und zu euch zurückkehren.“ 6 Und Abraham nahm die Hölzer für das Ganzopfer, legte sie auf seinen Sohn Isaak, nahm in seine Hand das Feuer und das Messer und sie gingen beide miteinander. 7 Da sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: „Vater!“ Und er sagte: „Hier bin ich, mein Sohn!“ Und er [Isaak] sagte: „Hier sind das Feuer und die Hölzer, aber wo ist das Lamm für das Ganzopfer?“ 8 Da sagte Abraham: „Gott wird sich das Lamm für das Ganzopfer ersehen, mein Sohn!“ Und sie gingen beide miteinander [weiter]. 9 Und sie kamen zu dem Ort, den der Gott ihm gesagt hatte: Abraham baute dort den Altar, schichtete die Hölzer, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, auf die Hölzer; 10 und Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. 11 – Da rief zu ihm ein Bote JHWHs – aus dem Himmel -, und sagte: „Abraham, Abraham!“ Und er sagte: „Hier bin ich!“. 12 Da sagte er [der Bote JHWHs]: Du sollst nicht Deine Hand ausstrecken nach dem Knaben und du sollst ihm nichts tun – denn nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist und mir deinen Sohn, deinen Einzigen nicht vorenthältst.“ 13 Da erhob Abraham seine Augen und sah, siehe ein Widder, verfangen mit seinen Hörnern im Gestrüpp. Abraham ging, nahm den Widder und brachte ihn als Ganzopfer anstelle seines Sohnes dar. 14 Und Abraham benannte diesen Ort: „JHWH sieht“. Heute sagt man: „Auf dem Berg wird JHWH gesehen“. 15 Und der Bote JHWHs rief zu Abraham ein zweites Mal aus dem Himmel. 16 Und er sagte: „Bei mir habe ich geschworen,“ – Spruch JHWHs – „ weil du dieses Wort getan hast und mir deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthalten hast, dass ich Dir einen Segen segne (schenke) und viel werde ich deinen Samen vermehren – wie die Sterne des Himmels und wie den Sand, der am Ufer des Meeres ist, und dein Samen wird das Tor seines Feindes einnehmen. 18 Segnen werden sich alle Völker der Welt in/mit deinem Samen, denn du hast auf meine Stimme gehört.“ 19 Da kehrte Abraham zu seinen Knaben zurück, stand auf, sie gingen zusammen nach Beerscheba und Abraham ließ sich nieder in Beerscheba.

Bildquellen

  • Titelbild “Wald, Flamme, Feuer, Lagerfeuer, Feuer, Geologisches Phänomen”: pxhere (gemeinfrei)