Gesetz als Gnade


– sich den Text vorlesen lassen


 
Die Zehn Gebote sind die biblische Magna Charta der Menschenrechte. Sie sind der wichtigste Gesetzestext im Alten Testament. Während alle anderen Rechtssätze, Gebote und Gesetze Mose verkündet werden, der sie dem Volk mitteilt, redet Gott mit den Zehn Geboten das Volk unvermittelt selbst direkt an. Auch für Christen ist dieser Text eine wichtige ethische Grundlage – auch wenn wir als Heidenchristen selbst nicht direkt angesprochen sind. Wir halten den Sabbattag nicht als Ruhetag, sondern für uns ist Sonntag, der Tag der Auferstehung Jesu, der Ruhetag zum Lobpreis Gottes geworden. Ja, der erhobene Zeigefinger des sich wiederholenden „Nicht sollst du!“ wird gar von einigen Bibellesern als moralischer Legalismus missverstanden. Jesus habe die Christen vom Gesetz Gottes befreit. Die Einengung durch den Buchstaben sei aufgesprengt. Erst durch Jesus Christus habe Gott seine Gnade erwiesen. Erst durch seinen Sohn habe sich der liebende Gott offenbart.

Aber Christen missverstehen das alttestamentliche Gesetz, wenn sie es nicht als Gnadenerweis des barmherzigen Gottes lesen. Denn am Anfang des Gotteswortes steht nicht der Befehl, sondern die Liebestat des befreienden Gottes. Im hebräischen Alten Testament wird der Text der üblicherweise im Deutschen als die Zehn Gebote bezeichnet wird, עשרת הדברים (gesprochen: aseret ha-davrim) genannt (siehe Exodus 34,28). Es sind keine Gebote, sondern zehn Worte – und das erste Wort, der erste Satz beinhaltet kein Gebot: „Ich, JHWH, bin dein Gott, der dich hinausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus.“ (Exodus 20,2) Die Grundlage der folgenden Gebote und aller alttestamentlichen Gesetze ist die Beziehung Gottes zu seinem Volk, das er aus Ägypten befreit hat. Israel soll die alttestamentlichen Gesetze nicht einhalten, weil Gott sie befiehlt, sondern weil Gott sich dem Volk befreiend und liebend zugewendet hat. Die Erfüllung der Gesetze ist die liebende Antwort Israels auf Gottes Zusage: „Ich bin, JHWH, dein Gott!“. Der sich für Israel in den alttestamentlichen Gesetzen und für Christen in den moralischen Forderungen Jesu offenbarende Wille Gottes ist keine Anleitung, Gottes Liebe zu gewinnen. Die Liebe Gottes steht am Anfang. Der Mensch ist aufgefordert, dankbar entsprechend dem Willen Gottes in Gedanken, Worten und Werken zu reagieren. So kann er in der Liebe Gottes verweilen.

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 3. Sonntag in der österlichen Bußzeit, Lesejahr B (Exodus 20,1-17):

1 Und Gott sprach alle diese Worte, wie folgt: 2 Ich, JHWH, bin dein Gott, der dich hinausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus. 3 Nicht sollst du andere Götter haben anstelle von mir. 4 Nicht sollst Du Dir ein Götzenbild noch irgendein Bildnis machen von dem, was im Himmel oben oder auf der Erde unten oder was im Wasser unter der Erde ist. 5 Nicht sollst du dich ihnen niederwerfen und nicht sollst du ihnen dienen, denn ich, JHWH, bin dein Gott, eine eifervolle Gottheit, heimsuchend Schuld von Vätern an den Kindern, an der dritten und vierten Generation, derer die mich hassen 6 – aber Gnade erweisend Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. 7 Nicht sollst du erheben den Namen JHWH, deines Gottes, zum Nichtigen, denn nicht wird JHWH ungestraft lassen denjenigen, der seinen Namen zum Nichtigen erhebt. 8 Gedenke des Sabbattages, um ihn zu heiligen. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Tageswerk tun. 10 Aber am siebten Tag ist Sabbat für JHWH, deinem Gott. Nicht sollst Du dein Tageswerk tun – du, und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, dein Vieh, dein Fremdling, der in deinen Toren ist. 11 Denn in sechs Tagen hat JHWH den Himmel und die Erde, das Meer und alles, was in ihnen ist, geschaffen. Und er ruhte am siebten Tag. Deshalb hat JHWH den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt. 12 Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage lange sein auf dem Erdboden, den JHWH, dein Gott, dir gibt. 13 Nicht sollst du morden. 14 Nicht sollst du ehebrechen. 15 Nicht sollst du stehlen. 16 Nicht sollst du aussagen wider deinen Nächsten als Lügenzeuge. 17 Nicht sollst du begehren das Haus deines Nächsten. Nicht sollst du begehren die Frau deines Nächsten oder seinen Knecht oder seine Magd oder seinen Ochsen oder seinen Esel oder irgendetwas, was ihm gehört.

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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