Genesis 3: Das Urteil

Vorbemerkung: Die Lesung am 10. Sonntag im Jahreskreis ist ein Abschnitt aus der sogenannten Sündenfallgeschichte. Adam und Eva essen von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, obwohl Gott ihnen dies verboten hatte. Die folgende Hinführung zum Lesungstext beschränkt sich auf Genesis 3,9-15 – ausführlicher habe ich mit Werner Kleine vor einiger Zeit über die gesamte Geschichte diskutiert und sie ausgelegt. Das Video dazu finden Sie unter: https://vimeo.com/171909230

Die Geschichte über Adam und Eva im Paradies ist ein Paradox. Sie wussten, dass sie nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen durften. Gott hatte es ihnen verboten. Aber sie konnten nicht wissen, dass es nicht gut ist, dieses Verbot zu missachten, solange sie nicht von diesem Baum gegessen hatten. Gott setzt mit seinem Verbot dem menschlichen Streben nach Erkenntnis und somit Lebensfülle eine Grenze – aber gerade die Erkenntnis von Gut und Böse definiert im Alten Testament den Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern (vgl. Deuteronomium 1,39). Die Geschichte über Adam und Eva Paradies führt zur menschlichen Autonomie, die in der Folge die Grundlage der Beziehung Israels zu seinem Gott wird (Deuteronomium 30,15-20). Der Mensch erlangt Erkenntnis durch Ungehorsam – aber durch die Erkenntnis kann er wieder zum Gehorsam gegenüber Gott gelangen. Dieser Weg zurück zu Gott ist jedoch geprägt von Tod, Arbeit und Schmerz – weil der Mensch sein Recht auf die paradiesische Existenz verloren hat.

Aber bereits im Paradies wird deutlich, dass der bestrafende Gott auch der sich kümmernde Gott ist. Während die Schlange ohne eine Chance auf eine Verteidigung bestraft wird, müssen die Menschen sich im Dialog mit Gott rechtfertigen. Für sie ist die Gesetzesübertretung nicht das Ende der Beziehung zu Gott. Ja, das Fragen Gottes ermöglich die Erkenntnis des Menschen. Aber der Mensch handelt weiter wie ein Kind, anstatt als Erwachsener Verantwortung zu übernehmen. Der Mann schiebt die Schuld auf die Frau, die Frau schiebt die Schuld auf die Schlange. Der Mann macht sogar indirekt Gott selbst für seinen Fehler verantwortlich: „Die Frau, die du mir beigegeben hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und ich aß.“ (Genesis 3,12). Die Frau hingegen versucht einen anderen Trick. Sie gibt zwar zu, dass sie einen Fehler gemacht hat, aber nur weil sie von der Schlange verführt worden sei. Doch die Verantwortung für die eigene Tat kann nicht einfach so jemand anderen, der auch schuldig ist, zugeschoben werden. Gott bestraft sowohl die Schlange, als auch den Mann und die Frau.

Die Strafen haben keine direkte Beziehung zum Vergehen, sondern beschreiben die negative Sicht des Menschen auf seine Existenz in der Welt. Mühe, Arbeit, Schmerzen und das Patriarchat werden als durch den Menschen selbst verschuldete Realitäten der Welt erklärt. Es klingt fast buddhistisch: Das ganze Leben des Menschen ist von der Geburt bis zum Tod von Schmerz und Leid geprägt. Erst der Tod beendet das schmerz- und leidvolle Leben. Dieser Zustand, so lehrt die Paradiesgeschichte, ist jedoch nicht der Schöpfungswille Gottes, der die Welt zum Guten geschaffen hat, sondern die Folge des menschlichen Handelns. Und wie die weitere Geschichte Gottes mit der Welt, mit den Erzeltern und seinem Volk lehrt, ist gerade die Erkenntnis von Gut und Böse die Fähigkeit der Menschen, die sie zwar nicht zurück ins Paradies führt, aber in die Liebe Gottes.

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 10. Sonntag im Jahreskreis:

9 Da rief JHWH, der Gott ist, dem Menschen zu und sagte ihm: Wo bist du!? 10 Er sagte: Deine Stimme habe ich im Garten gehört und ich fürchtete mich, denn nackt bin ich – da versteckte ich mich. 11 Und [Gott] sagte: Wer hat Dir kundgetan, dass du nackt bist? Von dem Baum, von dem ich Dir befohlen habe nicht zu essen von ihm, hast du gegessen? 12 Da sagte der Mensch/Adam: Die Frau, die du mir beigegeben hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und ich aß. 13 Da sagte JHWH, der Gott ist, zur Frau: Was hast du da getan!? Da sagte die Frau: Die Schlange hat mich betört und ich aß. 14 Da sagte JHWH , der Gott ist, zu Schlange: Weil du dies getan hast, seist du verflucht unter allen Vieh und allem Wildtier des Feldes! Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub wird du essen alle Tage deines Lebens. 15 Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft. Sie wird Dir nach dem Haupt trachten und du wirst ihr nach der Ferse trachten. 16 Zu der Frau sagte er: Viel, vermehren werde ich deinen Schmerz und deine Schwangerschaft. Unter Schmerzen wirst du Kinder gebären. Nach Deinem Mann wirst Du Verlangen haben und er wird über dich herrschen. 17 Und zum Menschen/Adam sagte er: Weil Du auf die Stimme deiner Frau gehört und vom Baum gegessen hast, von dem ich dir befohlen hatte „Du sollst nicht von ihm essen“ – Verflucht sei der Erdboden deinetwegen, unter Schmerzen sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18 Dorn und Diestel wird er dir wachsen lassen und du wirst das Kraut des Feldes essen. 19 Im Schweiße deines Antlitzes wirst Du Brot essen, bis Du zurückkehrst zum Erdboden – denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist Du und zu Staub wirst du zurückkehren.

Genesis 3,9-19 (Lesung: Vers 9-15)

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.