Gen 2: Von der Rippe zur Einheit

Der Mensch ist kein Einzelkämpfer. Ja, er ist sogar unvollendet, wenn er allein ist. Aus der Sicht der Bibel findet der Mensch erst in einem ihm gleichwertigen Gegenüber den Beistand, der ihn vollendet. Aus der Rippe des Menschen erschafft Gott die Frau. Ist die Frau kein Mensch? Ist sie nur ein Nebenprodukt oder ein Anhängsel? Nein, im Paradies wird grundgelegt, dass in der perfekten Welt, der Mann sich nach seiner Frau sehnt, wie es das Hohelied die Frau über ihren Geliebten sagt: „… und ihn verlangt nach mir.“ (Hohelied 7,11).

Das Verhältnis des Mannes zu seiner Frau soll nach der paradiesischen Ordnung vergleichbar sein mit dem Verhältnis zu Gott. Der Mann wird seiner Frau „anhängen“ (דבק), wie Israel seinem Gott anhängt: „Ihr aber, die ihr festhieltet [דבק] am HERRN, eurem Gott, seid heute alle noch am Leben.“ (Deuteronomium 4,4). In ihrer Verschiedenheit werden sie so wieder zu einer Einheit, zu einem Fleisch: Treu miteinander verbunden als gegenseitige Hilfe im Leben.

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Sonntagslesung am 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

 

18 Und JHWH, der Gott ist, sagte: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Ich will ihm eine Hilfe machen als sein Gegenüber. 19 Daher schaffte JHWH, der Gott ist, aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und er brachte [sie] zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie benennt. So wie der Mensch jedes der Lebewesen benennen werde, so wird dessen Name sein. 20 Und der Mensch nannte Namen für alles Vieh und für die Vögel des Himmels und für alle Tiere des Feldes. Aber für den Menschen fand er nicht eine Hilfe als dessen Gegenüber. 21 Da ließt JHWH, der Gott ist, einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief. Da entnahm er eine seiner Rippen und verschloss an deren Stelle [die Wunde] mit Fleisch. 22 Dann baute JHWH, der Gott ist, die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau und brachte sie zu dem Menschen. 23  Da sagte der Mensch: Diese ist diesmal Knochen von meinem Knochen und Fleisch von meinem Fleisch. Sie soll Männin [=Frau] genannt werden, denn vom Mann ist sie genommen. 24 Deswegen verlässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden zu einem Fleisch. 25 Und die Beiden, der Mensch und seine Frau, waren nackt, doch sie schämten sich nicht.

 

Genesis 2,18-25 (Lesung: Verse 18-24)

 

 

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.