Ezechiel 37,1-14: lebendige Knochen und leere Gräber!

Ezechiels Vision von der Auferweckung der Toten stellt sich gegen die Verzweiflung der exilierten Israeliten. Die drastischen Bilder der vertrockneten Knochen und der verschlossenen Gräber sind Ausdruck der Hoffnungslosigkeit nachdem Gott sein Volk verstoßen und ins Exil führen ließ. Doch der Tod hat nicht das letzte Wort. Im Buch Hosea wird die Vorstellung entfaltet, dass Gott sein Volk gleich der Natur im Frühling wieder aufleben lassen wird (Hosea 6,1-3). Auch Ezechiel stellt sich gegen die düstere Annahme, dass Israel für immer von Gott verstoßen sei. Er verheißt eine Neubelebung und verkündet eine erneute Schöpfung, die wie im Paradies durch Gottes Atem Leben in lebloser Materie entstehen lässt (vgl. Genesis 2,7). Die Ankündigung, dass Gott die Gebeine aus den Gräbern hinaufsteigen lassen wird, ist dabei eine Anspielung auf einen neuen Exodus aus dem babylonischen Exil: „Siehe, ich öffne eure Gräber und lasse euch hinaufsteigen aus euren Gräbern, mein Volk, und ich bringe euch zu dem Erdboden Israels.“ (Ezechiel 37,12)

Im Judentum wird diese Weissagung am Sabbat der Pessach-Woche gelesen, um die Neuschöpfung des Volkes Israel durch einen zweiten Exodus zu erinnern. Dass in der katholischen Kirche dieser Text am Ende der Osterzeit für den Pfingstmontag zur Auswahl steht, verweist auf eine sich durch die gesamte Rezeptionsgeschichte des Textes ziehende Leseart: sowohl im Judentum als auch im Christentum wurde der Text immer auch als Lehre über die künftige Auferstehung der Toten verstanden.


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am Pfingstmontag:

1 Die Hand JHWHs war auf mir, er zog mich heraus durch JHWHs Geist und legte mich nieder mitten in der Senke und diese war voll mit Gebeinen. 2 Er führte mich über sie ringsumher – und siehe: sehr viele auf der Fläche der Senke; siehe: sie waren sehr trocken. 3 Und er sagte zu mir: Menschensohn, können diese Gebeine wieder zu Leben kommen? Und ich sagte: Mein Herr, JHWH, du weißt es. 4 Und er sagte zu mir: Prophezeie über diese Gebeine und sag zu ihnen: Ihr trockenen Gebeine, hört das Wort JHWHs. 5 So sagt mein Herr, JHWH zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe in euch Geist/Wind und ihr werdet lebendig. 6 Ich werde euch Sehnen geben, Fleisch auf euch wachsen lassen, euch mit Haut überziehen, in euch Geist/Wind gegeben und ihr werdet lebendig sein und erkennen, dass ich JHWH bin.

7 Ich prophezeie, wie mir befohlen wurde, und eine Stimme erklang, als ich prophezeite – und siehe Lärm und es kamen zusammen die Gebeine, Gebein zu seinem Gebein. 8 Und ich sah – und siehe: auf ihnen Sehnen, Fleisch wuchs darüber und Haut bedeckte sie von oben, nur Geist/Wind war nicht in ihnen.

9 Und er sagte zu mir: Prophezeie dem Geist/Wind, prophezeie, Menschensohn, uns sage zum Geist/Wind: So hat mein Herr, JHWH gesagt: Von den vier Windrichtungen kommt Geist/Wind und hauche diese Getöteten an, so dass sie leben. 10 Ich prophezeite wie er mir befohlen hatte und da kam der Geist/Wind in sie, so dass sie lebten; sie standen auf ihren Füßen, ein sehr sehr großes Heer.

11 Sa sagte er zu mir: Menschensohn, diese Gebeine – das ganze Haus Israel sind sie; siehe: sie sprechen: Vertrocknet sind unsere Gebeine, verloren ist unsere Hoffnung, abgeschnitten sind wird.

12 Deshalb prophezeie und sag zu ihnen: So hat mein Herr, JHWH gesagt: Siehe, ich öffne eure Gräber und lasse euch hinaufsteigen aus euren Gräbern, mein Volk, und ich bringe euch zu dem Erdboden Israels. 13 So werdet ihr erkennen, dass ich JHWH bin – indem ich eure Gräber öffne und euch heraufsteigen lasse aus euren Gräbern, mein Volk. 14 Ich werde meinen Geist in euch geben und ihr werdet leben. Ich mache euch sesshaft auf eurem Erdboden und ihr werdet erkennen, dass ich JHWH bin. Ich sprach und ich werde tun – Spruch JHWHs.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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