Ezechiel 17: vom Spross zum Himmelreich

Der Prophet Jesaja sprach von einem Spross aus der Wurzel Isais und von dem Baumstumpf Isais, aus dem ein Reis hervorwächst (Jesaja 11,1.10). Bis heute erklingt diese Verheißung zu Weihnachten in den Kirchen im bekannten Kirchenlied: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art”. In der Bibel ist Isai der Vater von König David, und der Spross ist der nach dem Untergang des davidischen Königtums erwartete kommende Heiland, der das verlorene Königreich wieder errichten wird. Dieselbe Hoffnung erklingt auch im Buch des Propheten Ezechiel.

Nachdem der babylonische König Nebukadnezzar 597 v. Chr. Jerusalem erobert hatte, setzte er Zidkija aus dem davidischen Königshaus als Vasallenherrscher ein. Aber obwohl er bei dem Gott Israels, JHWH, dem babylonischen König Treue schwur, versuchte Zidkija später eine antibabylonische Koalition mit Ägypten zu errichten. Dies bedeutete den Untergang des judäischen Königtums. In Ezechiel 17 verurteilt Gott das Handeln des letzten davidischen Königs: „So wahr ich lebe, spricht der Herr JHWH! Bestimmt wird er an dem Platz, an dem der König ihn gekrönt hat, dessen Schwur er verspottet hat und dessen Bund mit ihm er gebrochen hat, in Babylon sterben.“ (Ezechiel 17,16). Nicht nur Zidkija, sondern auch das gesamte Königreich wird von Gott der Vernichtung preisgegeben. Aber Gott ist in den Worten Ezechiels nicht nur eine zerstörerische Macht, die analog zur weltbeherrschenden Logik Nebukadnezzars reagiert. In der Bestrafung verkündet er die Erneuerung des Königreiches.

In einer Fabel wird Nebukadnezzar als ein Adler beschrieben, der den Wipfel eines Zedernbaumes im Land Kanaan eingepflanzt hat. Der Zedernbaum steht für das davidische Königtum und der Wipfel ist Zidkija (Ezechiel 17,3-4). Aber anders als Nebukadnezzar macht Gott aus dem angekündigten, nach der Zerstörung kommenden Setzling nicht nur einen „wucherndem Weinstock von niedrigem Wuchs“ – als der Zidkija beschrieben wird –, sondern er pflanzt einen neuen Spross auf dem Berg Zion in Jerusalem ein, damit dieser zum Weltenbaum heranwächst, der nicht beschützt werden muss, sondern selbst Schutz bietet. Jesus nimmt dieses Bild im Matthäus-Evangelium auf, wenn er vom Himmelreich spricht: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, so daß die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.“ (Matthäus 13,31-32). Aus dem scheinbar ohnmächtigen Schwachen lässt Gott etwas Großes entstehen, das alles andere in den Schatten stellt. Darin zeigt sich seine Macht.

Meine Arbeitsübersetzung der Lesung am 11. Sonntag im Jahreskreis:

22 So sagt der Herr JHWH: Und ich, ich werde nehmen von der hohen Baumkrone der Zeder und geben. Von den obersten ihrer Triebe werde ich einen zarten pflücken und ich, ich werde pflanzen – auf einem hohen und aufragenden Berg. 23 Auf den erhabenen Berg Israels werde ich ihn pflanzen. Er wird Zweige tragen und Früchte hervorbringen und eine edle Zeder werden. Dann wird unter ihm ein jeder Vogel, alles mit Flügeln, wohnen. Im Schatten seiner Zweige werden sie wohnen. 24 Dann werden alle Bäume des Feldes erkennen, dass ich, JHWH, ich den hohen Baum erniedrigt und den niedrigen Baum erhöht habe. Den grünenden Baum habe ich verdorren lassen und den verdorrten Baum habe ich ergrünen lassen. Ich, JHWH habe gesprochen und (so) getan.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.