Ein Licht in finsteren Zeiten


– sich den Text vorlesen lassen


 
Selbst eine kleine Kerze kann einen dunklen Raum erleuchten. Keine Finsternis ist stärker als das schwächste Licht. In der Sprachwelt des Alten Testaments kennzeichnet Dunkelheit alle Formen von Not: schwarz wie der Tod. Für das Volk Israel war das Exil, die Zerstörung des Tempels, der Tod der Beziehung zu Gott. Aber im Prophetenbuch Jesaja ist Gott selbst das Licht, das die Finsternis vertreibt und eine strahlende Zukunft errichtet. Dazu bedarf es eines Blickes in die graue Vergangenheit. Die Verheißungen Gottes sind die Fackeln im Sturm, die den Weg weisen.

Wie es Abraham verheißen wurde, wird sich das Volk Israel wieder vermehren und wie zur Zeit Salomos werden sie zahlreich wie der Sand am Meer sein, essen, trinken und fröhlich sein. 1 Gott wird ihre Freude großmachen und sie werden sich freuen: Durch Freude wird die Beziehung ausgehend von Gott wieder hergestellt. Es wird eine Freude wie bei der Ernte und beim Verteilen der Beute herrschen, das heißt: das Volk wird durch Gott Befreiung erlangen und wie es bei der Ernte und bei der Kriegsbeute biblisch vorgeschrieben ist, den Ertrag in Dankbarkeit mit Gott teilen.2 Denn wie am Tag Midians, als Israel dank Gottes mit einer unbedeutenden Streitmacht den übermächtigen Feind besiegte, so gelangt Israel von der Dunkelheit ins Licht nur durch Gott.

Das Licht in der Dunkelheit ist die Geburt eines Thronanwärters, eines Babys, das wieder wie David über Israel herrschen wird – nicht als König, sondern als Beamter Gottes. Durch ihn werden Wunder Gottes geschehen, an ihm wird die Macht Gottes sichtbar werden und Gott wird sich als liebender Vater seines Volkes offenbaren. Er wird der ausführende Arm Gottes auf Erden sein und so zum Friedensfürsten werden. Er ist kein König, sondern durch ihn offenbart sich das wahre Königtum Gottes. Gottes Thron ist auf Recht und Gerechtigkeit aufgebaut und sie werden zur Grundlage des Throns des Friedensfürstens, sodass seine Herrschaft sich ausweiten und so zu einem Frieden ohne Ende führen wird.

Eine solche Utopie wird – wie am Tag Midians – jedoch nur Realität, wenn der eigentlich Handelnde, JHWH, der leidenschaftlich eifernde Gott ist. Das Feuer seines leidenschaftlichen Eifers, der keine verwerfliche Emotionalität ist, sondern seinen exklusiven Anspruch auf die Beziehung mit seinem Volk darstellt, bringt Licht in jede Finsternis. Es ist ein Feuer, das die Feinde frisst und durch die Geschichte hindurch von Abraham – und schon vorher in der Schöpfung – bis in unsere Zeit die Todesschatten vertreibt.



Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung in der Heiligen Nacht:

1 Das Volk, das in der Finsternis geht, sieht ein großes Licht. Über denen, die im Land des Todesschatten wohnen, strahlt ein Licht. 2 Du vermehrst die Nation, ihr machst du die Freude groß. Sie freuen sich vor deinem Angesicht, wie man sich bei der Ernte freut, wie man jubelt beim Verteilen der Beute. 3 Denn das Joch ihrer Last, den Stab ihrer Schultern, den Stock, der sie treibt, zerbrichst du wie am Tag Midians. 4 Denn jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, und [jeder] Mantel, in Blut gewälzt, fällt dem Brand anheim, ein Fraß des Feuers. 5 Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schultern gelegt und sein Name wurde ausgerufen: „Planer von wunderbaren Taten, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedensfürst“. 6 Um die Herrschaft zu vermehren und für den Frieden ohne Ende auf dem Thon Davids und in seinem Königtum; um es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, von nun an bis in Ewigkeit. Der leidenschaftliche Eifer JHWHs der Heerscharen wird dies tun.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Vgl. Genesis 12,2; 1 Könige 4,20.
  2. Vgl. zum Beispiel Exodus 23,16; Josua 22,8.

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