Ein ehrenvoller Abgang


– sich den Text vorlesen lassen


 

Die Treue Gottes ist nicht selbstverständlich. Eli und seiner Nachkommenschaft hatte Gott zugesichert, dass sie ihm ewiglich als Priester dienen dürfen. Aber aufgrund der Vergehen von Elis Söhnen gegen Gott und gegen Israel verwirft er seine vorherige Zusage mit den Worten: „denn nur die, die mich ehren, werde ich ehren, die aber, die mich verachten, geraten in Schande“ (1 Samuel 2,30). Aus Gottes Verheißung wird Gottes Fluch, vom Günstling Gottes wird Eli zum Fehler der Vergangenheit. Anstelle des Priesters Eli beruft Gott den Propheten Samuel.

Aufgrund der menschlichen Verfehlungen bedarf es eines Neuanfangs, dem sich der greise Eli nicht entgegenstellt. Der nichts ahnende Knabe Samuel wird von seinem neuen Herrn berufen, doch in seiner Loyalität als Tempeldiener Elis, hört er in seiner Berufung zuerst nur die Stimme seines alten Herrn. Gott ruft ihn beim Namen, doch Samuel hört darin nur die Stimme Elis. Erst der von Gott Verworfene ermöglicht ihm die Gottesoffenbarung. „Eli sagte zu Samuel: „Geh und leg dich hin. Es soll geschehen, wenn er dich ruft, dass du sagst: „Rede JHWH, denn dein Knecht ist hörend“ (1 Samuel 3,9).

Eli klagt nicht, er fleht Gott nicht an. Er nimmt Gottes Wort an. Samuel wird an seiner Stelle berufen und das ist aus seiner Sicht gut, weil es Gottes Wille ist. Kein Aufbäumen, kein Verhandeln – sondern treues Annehmen seines Schicksals: „Er ist JHWH. Das Gute in seinen Augen soll er tun.“ (1 Samuel 3,18). Eli erkennt seine Schuld an und trägt die Konsequenzen in Treue zu Gott und seinem Willen. Nach der Verwerfung seines Hauses war Gott verstummt. Die Berufung Samuels ist der Neuanfang, dem Eli nicht im Weg stehen will. Er ist mit erhobenem Kopf gescheitert. Mit den Worten Ijobs gesprochen, von dem man das Klagen lernen kann: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2,10).

Was würde ich tun, wenn jemand oder gar Gott in mir keinen Neuanfang mehr sehen würde? Ich würde klagen: Warum? Wozu? Ich würde meine Fehler suchen und um eine Zukunft bitten. Barmherzigkeit und Erbarmen würde ich erbitten. Aber würde ich mich dem Neuanfang in den Weg stellen oder würde ich den Neuanfang ohne mich am Ende ermöglichen?


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 2. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

1 Der Jüngling Samuel war ein Diener JHWHs im Angesicht Elis – und in jenen Tagen war das Wort JHWHs selten, Vision war nicht häufig. 2 Es geschah an jenem Tag, als Eli auf seinem Ruheplatz lag. Seine Augen begannen trübe zu werden, er konnte nicht sehen. 3 Und das Licht Gottes erlosch noch nicht und Samuel lag im Tempel JHWHs, dort wo die Lade Gottes war. 4 JHWH rief Samuel und er sagte: „Hier bin ich“. 5 Da rannte er zu Eli und sagte: „Hier bin ich, denn du hast nach mir gerufen“. Darauf sagte er: „Ich habe dich nicht gerufen. Geh zurück und leg dich hin“. Er ging und legte sich hin. 6 Und Gott fuhr fort Samuel zu rufen, noch einmal, da stand Samuel auf, ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, denn du hast nach mir gerufen“. Und er sagte: „Ich habe nicht gerufen, mein Sohn, geh zurück und leg dich hin.“ 7 Samuel kannte JHWH noch nicht und das Wort JHWHs war ihm noch nicht offenbart. 8 Und Gott fuhr fort Samuel zu rufen, zum dritten Mal. Er stand auf, ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, denn du hast nach mir gerufen“. Da verstand Eli, dass es Gott war, der nach dem Jüngling rief, 9 und Eli sagte zu Samuel: „Geh und leg dich hin. Es soll geschehen, wenn er dich ruft, dass du sagst: „Rede JHWH, denn dein Knecht ist hörend“. Da ging Samuel und legte sich auf seinen Platz. 10 Da kam JHWH, trat heran und rief wie die vorherigen Male: „Samuel, Samuel!“ Daraufhin sagte Samuel: „Rede, denn hörend ist dein Knecht!“. 11 Und JHWH sagte zu Samuel: „Siehe, ich selbst bin der, der etwas vollbringen wird, sodass jedem, der es vernimmt, beide Ohren gellen werden. 12 An jenem Tag werde ich gegen Eli alles errichten, alles, was ich gegen sein Haus ausgesprochen habe – beginnen und beenden. 13 Ich habe ihm verkündet, dass ich selbst über sein Haus das Urteil für immer gesprochen habe wegen der Schuld, von der er wusste. Ja, seine Söhne haben gelästert und er hat sie nicht zurechtgewiesen. 14 Deshalb habe ich dem Haus Eli geschworen, dass die Schuld des Hauses Eli niemals gesühnt wird durch Opfer und Gaben“. 15 Und Samuel legte sich hin bis zum Morgen und er öffnete die Türen des Hauses JHWHs. Samuel fürchtete sich das Gesehene Eli zu verkünden. 16 Eli rief Samuel und sagte: „Samuel, mein Sohn.“ Und er sagte: „Hier bin ich.“ 17 Und er sagte: „Was war das Wort, das er zu dir gesprochen hat? Verbirg bloß nichts vor mir! JHWH tue dir etwas an und füge noch etwas anderes hinzu, wenn Du ein Wort vor mir verbirgst von dem ganzen Wort, das er zu dir gesprochen hat. 18 Da kündete Samuel ihm alle Worte und nichts verbarg er vor ihm. Da sagte er: „Er ist JHWH. Das Gute in seinen Augen soll er tun.“ 19 Samuel wuchs heran und JHWH war mit ihm und er ließ keines seiner Wörter zum Boden fallen. 20 Ganz Israel, von Dan bis Beerscheba, erkannte, dass Samuel zum Propheten für JHWH bestätigt war. 21 Fortan ließ sich JHWH sehen in Schilo. Ja, JHWH offenbarte sich dem Samuel in Schilo durch sein Wort.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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