Deuteronomium 4: einer „und keiner sonst!“

Das Buch Deuteronomium ist eine Grenzsituation. Das Volk Israel steht nach 40 Jahren, in denen sie durch die Wüste gewandert sind, an der Grenze zum verheißenen Land. Es ist ein Moment, um innezuhalten – um zurück- und zugleich vorauszuschauen. Am Anfang des Buches Deuteronomium rekapituliert Mose die nun in der Vergangenheit liegende Wüstenwanderung vom Berg Sinai bis hin ins Land Moab, östlich vom verheißenen Land (Deuteronomium 1,6-3,29) – und dann wendet er sich der Zukunft zu: „Und nun, Israel, hör auf die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch zu halten lehre! Hört und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der HEER, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen.“ (Deuteronomium 4,1).

Bevor Mose jedoch die Gesetze dem Volk mahnend in Erinnerung ruft, verkündet er, der Erzprophet, Heil und Unheil. Wenn Israel die Gesetze nicht halten wird, droht der Verlust des Landes und das Exil: „Der HERR wird euch unter die Völker verstreuen. Nur einige von euch werden übrig bleiben in den Nationen, zu denen der HERR euch führt. Dort müsst ihr Göttern dienen, Machwerken von Menschenhand, aus Holz und Stein. Sie können nicht sehen und nicht hören, nicht essen und nicht riechen.“ (Deuteronomium 4,27-28). Doch selbst im Unheil verlässt Gott sein Volk nicht und vergisst es nicht, da er an dem Bund, den er mit Israel geschlossen hat, unverbrüchlich festhält.

Der Kontrast ist radikal: im Unheil gibt es nur von Menschenhand gefertigte Götter, denn Heil ist nur in der Erkenntnis zu finden, dass es außer Gott keinen anderen Gott gibt. Die gesamte Vorrede zu den Gesetzen gipfelt in der Aufforderung, zu erkennen, dass JHWH einer ist, und es außer ihm keinen anderen gibt: „Daher erkenne heute und nimm es Dir zu Herzen, dass JHWH der Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden, keiner sonst.“ (Deuteronomium 4,39). In diesen Worten ereignet sich ein radikaler Einschnitt in der Menschheitsgeschichte: das monotheistische Bekenntnis. Es gibt nur einen allumfassenden Gott – und er hat seine Existenz und unvergleichliche Macht in der Rettung und Auserwählung seines Volkes bewiesen. Und hat so Israel zum Zeugen für diesen neuen Glauben in der Menschheitsgeschichte werden lassen: „Du selbst hast es sehen dürfen, damit Du erkennst, dass JHWH der Gott ist – außer ihm gibt es keinen.“ (Deuteronomium 4,35).

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am Dreifaltigkeitssonntag:

32 Ja, frag doch nach den ersten Tagen, die vor Dir lagen, seit dem Tag, da Gott den Menschen auf Erden schuf; und von einem Ende des Himmels bis zum anderen Ende des Himmels. Geschah je ein solch großes Ereignis oder wurde so etwas gehört? 33 Hat ein Volk die göttliche Stimme sprechen gehört mitten aus dem Feuer, so wie Du selbst gehört hast, und ist am Leben geblieben? 34 Oder hat ein Gott versucht zu kommen, um sich ein Volk zu nehmen aus der Mitte eines Volkes mit Prüfungen, Zeichen, Wundern, Krieg und mit starker Hand und ausgestrecktem Arm und mit großen Schrecken? – so wie JHWH an für euch, vor euren Augen getan hat in Ägypten. 35 Du selbst hast es sehen dürfen, damit Du erkennst, dass JHWH der Gott ist – außer ihm gibt es keinen. 36 Vom Himmel ließ er dich seine Stimme hören, um dich zu erziehen. Auf der Erde hat er dich ein großes Feuer sehen lassen und seine Worte hast du gehört mitten aus dem Feuer. 37 Und weil er deine Väter liebte, hat er ihre Nachkommen und dich hinausgeführt aus Ägypten mit seinem Angesicht, mit seiner großen Macht 38 – damit Völker, die größer und stärker sind als du, vor Dir zu vertreiben, um dich in ihr Land zu bringen und es dir als Erbland zu geben, wie es heute der Fall ist. 39 Daher erkenne heute und nimm es Dir zu Herzen, dass JHWH der Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden, keiner sonst. 40 Und bewahre seine Satzungen und Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, dass es dir und deinen Kindern nach dir gut gehen möge, damit du lange leben wirst auf dem Erdboden, den JHWH, dein Gott, dir gibt für alle Tage.

Deuteronomium 4,32-40 (Lesungstext: Verse 32-34.39-40)

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