Das Ende ist ein Neuanfang


– sich den Text vorlesen lassen


 
Der letzte Satz des hebräischen Alten Testaments ist kein Gotteswort.1 Die jüdische Bibel endet mit der Aufforderung des persischen Königs an das sich im Exil befindende Volk Israel: „Wer unter Euch, zu seinem ganzen Volk gehört – JHWH, sein Gott sei mit ihm -, der soll hinaufziehen [nach Jerusalem].“ (2 Chronik 36,23). Die letzten Worte sind keine machtvolle Verheißung, dass Israel mit einem neuen König, einem neuen David oder einem neuen Mose wieder ins verheißene Land zurückkehren wird. Gott hat einem heidnischen König nicht nur alle Macht über Israel gegeben, sondern er lässt ihn an die Stelle des davidischen Königtums treten. In der sogenannten Natanverheißung hatte Gott David und seinen Nachfahren die ewige Herrschaft über Israel verheißen und Davids Sohn Salomo baute den Tempel Gottes. Doch am Ende der Geschichte Israels, wie der Chronist sie sieht, wird die davidische Dynastie nicht mehr erwähnt und ein Neuanfang wird grundgelegt, indem Gott den persischen König Kyrus beauftragt, ihm einen Tempel in Jerusalem zu bauen. Es gibt keine Hoffnung auf einen israelischen Messias, sondern Gott ordnet die Welt neu.

Das Gottesvolk ist im negativen und im positiven Sinne der Spielball der Weltmächte, weil Gott es so will. Gott nimmt Israel die Eigenständigkeit und die weltliche Macht des Königtums. Durch Nebukadnezer lässt er seinen eigenen Tempel und ganz Jerusalem zerstören. Für den Tod von Kindern und Greisen ist er verantwortlich – und die, die nicht sterben, ließ er zu Sklaven werden. Das babylonische Weltreich geht unter und das persische Weltreich entsteht – und Kyrus, der persische König kann von sich selbst sagen – ohne dass die Bibel ein Widerwort erhebt: „Alle Königreiche der Welt hat JHWH, der Gott des Himmels, mir gegeben und mir aufgetragen, ihm ein Haus in Jerusalem, das ist in Juda, zu bauen.“ (2 Chronik 36,23). Wie konnte es soweit kommen?

Aus der Sicht der Chronikbücher ist Gott verantwortlich für das Exil und für die Restauration. Gott der Mächtige handelt am ohnmächtigen Israel. Die Machtlosigkeit Israels ist jedoch selbst verschuldet. Beklagt wird die Untreue des Volkes gegenüber seinem Gott – aber diese Sünde ist nicht der Grund für die Verurteilung. Ein Sünder kann umkehren, aber wenn er selbst nicht auf Gottes Mahnung hört, dann ist er verloren: „Und JHWH, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen seine Boten, frühzeitig und andauernd, denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung. Sie aber trieben ihr Spiel mit den Boten des Gottes und verachteten sein Wort und verspotteten seine Propheten, bis der Zorn JHWHs gegen sein Volk anwuchs, bis es keine Heilung mehr gab.“ (2 Chronik 36,15-16) Im Besonderen wird auf den Propheten Jeremia verwiesen – seine mahnenden Worte, das Unheil, das er verkündete und auch seine Heilsworte: „Dieses ganze Land wird zum Trümmerfeld und zu einem Bild des Entsetzens und diese Völker werden dem König von Babel siebzig Jahre lang dienen. Sind aber die siebzig Jahre vorüber, dann suche ich den König von Babel und jenes Volk heim für ihre Schuld – Spruch des HERRN – und auch das Land der Chaldäer, indem ich es für immer zur schaurigen Wüste mache.“ (Jeremia 25,11-12).

Am Ende des hebräischen Alten Testaments blickt der Chronist in die Vergangenheit und in die Zukunft. Israel soll – besonders wenn es sündigt -, auf die mahnenden Worte der Propheten hören. Gottes Weg zum Zorn ist lang – aber auch für Gott gibt es eine Grenze, in der sich Barmherzigkeit zum strafenden Gericht wandelt. Allerdings sind die Unheilsworte auch mit Heilsworten verbunden. Gott bestraft nicht endgültig, sondern sein Strafen hat ein Ende in einem Neuanfang. Der Neuanfang ist keine Rückkehr zum Gewohnten, sondern er ist eine Entfaltung der Macht Gottes, die sich auf eine neue Art zeigt. Israel erhält keine weltliche Macht mehr, sondern wird aufgefordert, sich unter der Herrschaft eines fremden Königs im Gottesdienst im Haus Gottes neu zu sammeln. Nicht weltliche Macht definiert das Gottesvolk nun, sondern der Gottesdienst.


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 4. Sonntag der österlichen Bußzeit, Lesejahr B:

11 21 Jahre alt war Zidkija, als er König wurde, und 11 Jahre war er König in Jerusalem. 12 Er tat das Böse in den Augen JHWHs, seines Gottes. Er beugte sich nicht vor dem Angesicht Jeremias, dem Propheten aus dem Mund JHWHs. 13 Zudem hat er gegen König Nebukadnezer rebelliert, der ihn bei Gott schwören ließ. Er versteifte seinen Nacken und verhärtete sein Herz, statt zu JHWH, dem Gott Israels, umzukehren. 14 Auch alle Obersten der Priester und das Volk vermehrten Untreue um Untreue wie alle Greuel der Völker und sie entweihten das Haus JHWHs, das er in Jerusalem geheiligt hatte. 15 Und JHWH, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen seine Boten, frühzeitig und andauernd, denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung. 16 Sie aber trieben ihr Spiel mit den Boten des Gottes und verachteten sein Wort und verspotteten seine Propheten, bis der Zorn JHWHs gegen sein Volk anwuchs, bis es keine Heilung mehr gab. 17 Er ließ den König der Chaldäer gegen sie hinaufziehen. Er mordete ihre Jünglinge mit dem Schwert in dem Haus ihres Heiligtums, nicht schonte er einen Jüngling, noch ein Mädchen, Greis und Alten– alle gab er in seine Hand. 18 Alle Geräte des Hauses des Gottes, die großen und die kleinen sowie die Schätze JHWHs Hauses und die Schätze des Königs und seiner Anführer, alles ließ er nach Babel bringen. 19 Sie [= die Chaldäer] verbrannten das Haus des Gottes, rissen die Mauern Jerusalems nieder, alle Paläste verbrannten sie im Feuer und alle wertvollen Geräte zerstörten sie. 20 Dann führte er den Rest, der dem Schwert entgangen war, nach Babel ins Exil und sie galten als Sklaven für ihn und für seine Söhne bis das persische Königtum herrschte, 21 um das Wort JHWHs im Mund Jeremias zu erfüllen – bis das Land abgezahlt bekommen hat seine Sabbate. Alle Tage der Zerstörung ruhte es, um 70 Jahre voll zu machen. 22 Dann im ersten Jahr des Kyrus, König Persiens, um das Wort JHWHs im Munde Jeremias zu vervollständigen, erweckte JHWH den Geist Kyrus‘, König Persiens und er ließ seine Stimme verbreiten in seinem ganzen Königreich und auch schriftlich, wie folgt: 23 „So sagt Kyrus, der König Persiens: Alle Königreiche der Welt hat JHWH, der Gott des Himmels, mir gegeben und mir aufgetragen ihm ein Haus in Jerusalem, das ist in Juda, zu bauen. Wer unter Euch, zu seinem ganzen Volk gehört – JHWH, sein Gott sei mit ihm -, der soll hinaufziehen [nach Jerusalem].”‎

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Während das christliche Alte Testament mit Prophetenbuch Maleachi endet, sind die letzten beiden Bücher der jüdischen Bibel die beiden Chronikbücher.

Bildquellen