Amos 7: Eine Botschaft wie ein Stachel!

Die im Buch Amos gesammelten Texte gehören zu den düstersten und härtesten Gerichtsprophetien des Alten Testaments. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Priester Amazja dem regierenden König empfiehlt, Amos des Landes zu verweisen: „Das Land ist nicht fähig, alle seine Worte zu ertragen“ (Amos 7,10). Er, der Bauer mit eigener Rinder- und Maulbeerfeigenzucht aus dem Südreich Juda, war von Gott ins Nordreich gesandt worden, um offenen Auges die sozialen Missstände anzuprangern, die Gott zum Todesurteil gegen diese Gesellschaft geführt hatten.

In einer Zeit des äußeren Friedens und des wirtschaftlichen Aufschwungs trifft Amos im entstehenden monumentalen Staat mit seinem aufwendigen Verwaltungsapparat auf eine sozial-zerklüftete Gesellschaft. Gegen sie erhebt er eine dreifache Anklage mit seiner Sozial- und Rechtskritik: (1.) Er verurteilt in derber Sprache den Luxus, der aus der Unterdrückung der Schwachen resultiert und zur Gleichgültig gegenüber der Not der Mitmenschen führt: „Hört dieses, ihr Baschankühe auf dem Berg von Samaria, die ihr die Schwachen ausbeutet und die Armen zermalmt und zu euren Männern sagt: Schafft herbei, wir wollen saufen!“ (Amos 4,1). (2.) Er rügt die Bestechung, die aus Recht Unrecht werden lässt: „Weh denen, die das Recht in bitteren Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen.“ (Amos 5,7). (3.) In solchen Zuständen ist die im Gottesdienst vorgespielte Harmonie mit Gott nur ein Feigenblatt vor der praktizierten Schuld. So lehnt Gott solche Feste und Feiern und die damit verbundenen Opfer und Gaben ab – sie etablieren keine Gemeinschaft mit ihm: „Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,23-24). Der liturgische Gottesdienst muss Hand in Hand gehen mit dem entsprechenden Alltagsethos.

Die Botschaft des Propheten Amos war wie ein Stachel in einer Wunde, an der die Gesellschaft verblutete. Sie macht auch vor den Eliten, weder vor Politikern noch Priestern halt. Für Amazja und Jerobeam gab es aus der Sicht Amos keine Hoffnung mehr. Für diejenigen, die das Buch Amos überlieferten und in die Bibel übernahmen, ist seine Botschaft eine Warnung an die, die auch heute noch umkehren können, um sich am Aufbau einer sozialgerechten Gesellschaft zu beteiligen.



Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 15. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

10 Amazja, der Priester Bet-Els, sandte zu Jerobeam, dem König von Israel, folgende Botschaft: Gegen dich rebelliert Amos – mitten im Haus Israel. Das Land ist nicht fähig, alle seine Worte zu ertragen. 11 Denn so sagt Amos: Durch das Schwert wird Jerobeam sterben und Israel wird verbannt in die Verbannung ziehen, weg von seinem Erdboden. 12 Und zu Amos sagte Amazja: Seher, geh, flieh um dein Leben zum Land Juda! Iss dort dein Brot und prophezeie dort. 13 Und für Bet-El darfst du nicht fortsetzen zu prophezeien, denn das Heiligtum des Königs ist hier und das Haus der Königsherrschaft ist hier. 14 Da antwortete Amos und sagte zu Amazja: Nicht bin ich ein Prophet! Auch nicht der Sohn eines Propheten bin ich! Sondern ein Viehhirte bin ich und ich veredle Maulbeerfeigen. 15 JHWH hat mich hinter meinem Vieh fortgenommen und JHWH hat zu mir gesagt: Geh und prophezeie meinem Volk Israel! 16 Daher höre nun das Wort JHWHs: Du sagst: Prophezeie nicht gegen Israel und geifere nicht gegen das Haus Isaak! 17 Deshalb – so sagt JHWH – wird deine Frau zur Hure in der Stadt, deine Söhne und Töchter werden durch das Schwert fallen, dein Boden wird mit der Messschnur verteilt und du selbst wirst auf unreinem Erdboden sterben und Israel wird verbannt in die Verbannung ziehen, weg von seinem Erdboden.

Amos 7,10-17 (Lesung: Verse 12-15)

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.