1 Könige 19: Ausgebrannt

(Dieser Text von mir erschien zuerst auf der Seite www.dei-verbum.de unter dem Titel “Burnout – eine „Volkskrankheit“ und ihre biblische Therapie“)

Das Burnout-Syndrom ist im klassischen Sinne keine Krankheit, sondern ein Problem der Lebensbewältigung. Es handelt sich um eine körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung, die durch eine Überbelastung entsteht. Der Stress trifft auf eine verminderte Belastbarkeit und kann nicht mehr bewältigt werden. Man bricht unter der Last zusammen und resigniert wie der Prophet Elija: „ Nun ist genug!“ (1 Könige 19,4b). In früheren Zeiten wurden unter Priestern und Pastoren das Ausgebrannt-Sein durch die eigene Sendung, die Ermattung durch den alltäglichen Stress bis hin zum Selbstmordgedanken als „Elija-Müdigkeit“ bezeichnet.

 

In 1 Kön 18 ist der Prophet Elija auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Beauftragt von Gott zeigt er die Machtlosigkeit der Propheten des Baal und der Propheten der Aschera auf. Er besiegt sie und beweist König Ahab und dem Volk Israel, dass alleine JHWH ein mächtiger Gott ist. Doch auf den Höhepunkt des Erfolgs erfolgt Elijas persönlicher Tiefpunkt. Er ist in seiner Person zutiefst mit seinem Auftrag verbunden: Er ist der Prophet Gottes. Aber seine Macht ist durch Königin Isebel begrenzt; sie lässt sich von seinen Wundertaten nicht bekehren. Ihre Reaktion führt zum persönlichen Mißerfolg Elijas. Als sie von seinen Taten hört, lässt sie ihm ausrichten: „Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen [gemeint sind die getöteten Propheten des Baal und der Aschera] gleich mache.“ (1 Könige 19,2) Elijas Triumph endet in einem Todesurteil gegen ihn. Elija hatte für und mit Gott übermenschliches vollbracht, aber es genügte nicht die Königin zur Umkehr zu bewegen. Der Weg vom Himmelhoch-Jauchzend führt in die persönliche Isolation des Zum-Tode-Betrübt. Elija flüchtet in die Abgeschiedenheit der Wüste: „Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ (1 Könige 19,4)

 

Das Todesurteil gegen ihn, führt ihn zur Verzweiflung und zum Todeswunsch. Besonders vielsagend ist die Begründung: Er vergleicht sich mit seinen Vorfahren und zeigt damit, dass er seinem hohen Anspruch an sich selbst nicht genügt. Der Anspruch, das leisten zu können, was keiner zuvor geleistet hat, endet in der Selbstaufgabe. Elija ist erschöpft und ausgebrannt: „Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein.“ (1 Könige 19,5a) Völlig am Boden zerstört, bedarf es einer Stütze, die Elija wiederaufrichtet. In der Erzählung ist es ein Engel, der die göttliche Therapie für Elija beginnt.

 

Kurz nachdem Elija eingeschlafen ist, wird er aus seiner Ruhe aufgeweckt. Es erfolgt aber keine Maßregelung, sondern ein positiver und fürsorgender Befehl: „Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss!“ (1 Könige 19,5b). Der Engel stärkt Elija mit Brot und Wasser. Zweimal erscheint der Engel und fordert Elija auf sich zu stärken. Der zweiten Aufforderung folgt eine Begründung: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ (1 Kön 19,7b). Dabei handelt es sich nicht um einen neuen Arbeitsauftrag, sondern der Engel schickt Elija weg von seiner Wirkstätte, raus aus dem Königreich, hin zum Gottesberg Horeb. Er verlässt seinen Wirkbereich und wird vom Propheten zum Wanderer. Am Gottesberg angekommen steht der gescheiterte Arbeitnehmer vor seinem Arbeitgeber: „Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übriggeblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.“ (1 Könige 19,10). Der Einzelkämpfer Elija steht vor dem Grund seines Eifers. Er ist sich seiner Sendung bewusst, aber er kann sie nicht mehr bewältigen.

 

Die gesuchte Zuflucht gewährt Gott in einer bemerkenswerten Szene. Er zeigt sich Elija nicht in einer großen Geste, sondern in einem „… sanften, leisen Säuseln“ (1 Könige 19,12b). Gott zeigt sich in einem Akt der Ruhe, den Elija benötigt. Zuvor erstehen vor Elija ein Sturm, ein Erdbeben und Feuer. Aber in keiner dieser gewalttätigen Erscheinungen begegnet ihm Gott. Es ist nicht das Beeindruckende und Bedrückende, in dem Elija seine Stärkung erfährt, sondern es ist das Leise. Die Stärke, mit der sich Gott im Handeln gegen die Propheten des Baal und der Aschera gezeigt hatte, indem das Feuer Gottes die Brandopfer verzehrt hatte (1 Könige 18,38), zeigt sich nun im Unscheinbaren. Das Schwache wird zum Bild Gottes. Diese Fürsorge ist der Ausgangspunkt für die Rückkehr Elijas in seine Tätigkeit als Prophet. Er wird ausgesandt nach Damaskus, um dort Hasaël zum König über Aram zu salben. Von dort soll er zurückkehren in seinen alten Wirkbereich und einen zweiten Auftrag ausführen: „Jehu, den Sohn Nimschis, sollst du zum König von Israel salben und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle. So wird es geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den wird Jehu töten. Und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den wird Elischa töten.“ (1 Könige 19,16-17). Elija wird wieder zum Werkzeug Gottes, aber dem Einzelkämpfer stellt Gott einen zweiten Propheten, Elischa, zur Seite. Der Prophet ist in seiner Aufgabe nicht mehr allein, ihm wird eine Hilfe zur Seite gestellt.

 

Elija ist ein Prophet, das heißt im biblischen Sinne, dass seine Person völlig in seiner Aufgabe aufgeht. Hierbei stoßen seine Kräfte an die Grenzen der eigenen Kompetenz und der Misserfolg wird zur Krise, die in die Isolierung führt. Er zerbricht auch an dem Bild, das er von sich selbst hat. In dieser Situation äußert Elija den Todeswunsch. Er hat sich aufgegeben und er selbst kann sich nicht mehr helfen. Die Elija-Geschichte entwickelt in dieser erzählten Situation therapeutische Konzepte, wie Traugott Ulrich Schall in seinem Buch „Erschöpft – müde – ausgebrannt“ aufgezeigt hat:

 

1.) Elija darf von der Arbeit ausruhen.

2.) Er erfährt Fürsorge durch Andere.

3.) Er wird in die notwendige Distanz zu seiner Arbeit geführt.

4.) Die Gotteserfahrung bietet ihm eine neue Weltsicht.

5.) Die neuen Aufgaben, die sich ihm stellen, sind schaffbar.

6.) Elija wird nicht alleingelassen, an seiner Seite steht fortan ein Helfer.

 

Grundlegend wichtig ist hierbei, dass Elija nicht alleingelassen wird. In der selbstgewählten Isolierung kommt der Engel zu ihm und sendet ihn zu Gott, der Elija ganz entsprechend seiner körperlichen und psychischen Verfassung begegnet. In der Geschichte Elijas zeigt sich, dass das Burnout-Syndrom nicht nur eine simple Modediagnose ist. Vom Leben erschöpft zu sein, ist eine menschliche Erfahrung. Der Mensch gerät in eine Abwärtsspirale der Unfähigkeit das eigene Leben zu bewältigen. Dieser menschlichen Erfahrung kann man nur mit mitmenschlicher Rücksicht und Fürsorge begegnen – die mitmenschliche Verantwortung muss dazu führen, dass man zum Anderen sagt: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ (1 Könige 19,7b).

 

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 19. Sonntag im Jahreskreis:

 

4 Und er selbst ging eine Tagesstrecke in die Wüste hinein, setzte sich unter einen Ginsterstrauch, bat sein Leben zu sterben und sagte: Genug nun, JHWH nimm mein Leben, denn ich bin nicht besser als meine Väter. 5 Dann legte er sich hin und schlief unter dem einen Ginsterstrauch – und siehe dies: ein Bote berührte ihn und sagte zu ihm: Steh auf! Iss! 6 Da blickte er auf und siehe, zu seinem Haupt ein gerösteter Brotlaib und Wasserkrug. Er aß und trank und legte sich (wieder) hin. 7 Und der Botes JHWHs kehrte ein zweites Mal zurück, berührte ihn und sagte: Steh auf! Iss! Denn der Weg ist zu weit für dich! 8 Da stand er auf, aß, trank und ging durch die Kraft dieser Speise 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberg Horeb.

Autor des Blogs:

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.